Am 14. September erschien im Lokalteil der Ostsee-Zeitung ein kleiner Beitrag unter der Überschrift: „Bau-Fortschritt für neue Wohnungen am Rostocker Stadtrand“.
Darin war zu lesen: „Auf dem Acker am Rand der Rostocker Südstadt tut sich etwas: Die Erschließung für das neue Wohngebiet in Biestow hat begonnen. 800 neue Wohnungen sollen hier entstehen hier. Rund die Hälfte davon wird auf der Rostocker Gebietsseite von der Ostseesparkasse gebaut. ‚Am Anfang stehen sämtliche Naturschutzmaßnahmen‘, sagt Matthias Horn, Immobilienentwickler bei der Ospa Rostock. Kampfmittelräumer stießen auf Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg. Damit habe er nicht gerechnet, so Horn.“
Woher sollte Herr Horn so etwas auch wissen? Wenn man sich mir der jüngeren Geschichte eines ehemaligen Dorfes, dessen Ackerflächen man bebauen will, hauptsächlich aus kaufmännischem Interesse und für Marketingzwecke beschäftigt, kann einem das schon mal entgehen.
Nur noch ganz wenige ältere Einwohner Biestows können sich an die dunklen Zeiten erinnern, als nach der Reichstagswahl von 1933, bei der die NSDAP mit 43,9 % der abgegebenen Stimmen stärkste Kraft wurde, die endgültige „Machtergreifung“ durch die Nazis folgte. Die Konsequenzen des damaligen Wählervotums, inklusive der Umsetzung der im Parteiprogramm dargelegten völkisch rassistischen Ideologie und der Versuch der „Eroberung von Lebensraum im Osten“ sind auch an Biestow nicht spurlos vorübergegangen. Der in dieser Zeit amtierende Pastor Voß hat die Kriegsereignisse ausführlich dokumentiert.
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Einige Bemerkungen vorab:
Bisher konnten keine Quellen gefunden werden, aus denen hervorgeht, mit welchen Mehrheiten die damaligen Reichstagswahlen in der Biestower Gemeinde ausgegangen sind. Aus zeitgenössischen Darstellungen ist aber unverkennbar, dass der Führerkult und die völkisch-folkloristische Deutschtümelei auch bei der Biestower Landbevölkerung auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Da wurden eifrig Phantasietrachten geschneidert, es gab vielfältige gemeinschaftliche Freizeitgestaltungen und zur Erntezeit fuhr man zum zentralen „Reichserntedankfest“ auf dem Bückeberg, um dort dem „Führer“ zu huldigen.
In dieser Umgebung hatte der Pastor einen schweren Stand, zumal auch die Kirchenoberen sich früh mit den Nationalsozialisten arrangiert hatten.
Ab 1936 hatte er gegen eine zunehmende Anzahl ideologisch motivierter Kirchenaustritte zu kämpfen, so dass er im Februar 1937 in einem Beitrag für das damalige Gemeindeblatt „Unsere Heimatkirche“ ausführlich Stellung beziehen musste. Unter anderem verwies er auf den 24. Punkt des NSDAP-Parteiprogramms und versuchte deutlich zu machen, dass die Mitgliedschaft in den christlichen Kirchen vom Führer ausdrücklich erwünscht sei. Trotzdem muss er in seinen Aufzeichnungen konstatieren: „Das Jahr 1938 brachte eine große Anzahl von Austritten aus der ev-luth. Kirche in der Gemeinde. […] Der Besuch der Gottesdienste, Abendmahlsfeiern und Bibelstunden nahm in erheblichen Maße ab.“
Der Pastor hat immerhin versucht, sich öffentlich gegen die schleichenden Vereinnahmungen durch die NS-Ideologen abzugrenzen. Deutlich wird das zum Beispiel in seinem Beitrag für das Gemeindeblatt anlässlich der Glockenweihe am 21. September 1930, in der er bewusst hervorhebt, dass der Festzug von „zwei Bauern in unserer echten, alten, geschichtlichen Tracht“ angeführt wurde, und dass der Festwagen mit „zwei Bäuerinnen in der alten kleidsamen Biestower Tracht“ besetzt war.
Auch wenn in anderen Beiträgen im Gemeindeblatt die Anbiederung an die menschenverachtende und rassistische Ideologie der Nazis (Führerprinzip, Euthanasieprogramm, Antisemitismus) erkennbar wird, so war dies offensichtlich nur ein untauglicher Versuch, seinen christlichen Glauben weiterhin als letzten und höchsten moralischen Kompass gegen die pseudoreligiösen Heilsversprechungen der Nazis zu verteidigen, um so seinen seelsorgerischen Auftrag erfüllen zu können. Mit Sicherheit hat er nicht von der Kanzel herab den Nazis das Wort geredet.
Wenn also in seinen Aufzeichnungen hie und da abfällige Bemerkungen zu Angehörigen fremder Nationen gemacht werden, sollte man daraus nicht auf die innere Haltung des Pastors schließen. Sie verdeutlichen aber, wie sehr die damalige Propagandamaschinerie die Hirne der Menschen vernebelt hat.
Nachfolgend einige Auszüge aus den Aufzeichnungen des Pastors, nur die Gemeinde Biestow betreffend:
„1939
Gegen Ende des Augustmonats spitzen sich die politischen Verhältnisse mehr und mehr zu. Die Sprache der Staatsmänner wurde eine immer drohendere. Am Anfang des September wurde der Krieg an Polen erklärt. Eine öffentlich bekannt gemachte Mobilmachung hat es nicht gegeben. Heerespflichtige wurden durch direkten Befehl, einem persönlich ergehenden Gestellungsbefehl, zur Wehrmacht eingezogen. Sie verschwanden stillschweigend aus der Gemeinde, der eine heute, der andere morgen.
Während des Krieges hatten die Dörfer unserer Gemeinde verschiedentlich Einquartierung deutscher Soldaten. Vom 30. Aug. – 10. Sept. 1939 war Biestow von einer Sanitätskompanie belegt, die hier aufgestellt und ausgebildet wurde.
1940
Als im April die deutsche Wehrmacht Norwegen und Dänemark besetzte, um der Besetzung durch die Engländer zuvorzukommen, bekamen wir wieder Einquartierung von deutschen Truppen, welche über Warnemünde mit der Fähre nach Dänemark fuhren, und hier am 10. – 11. April auf ihren Abtransport warteten. Dieselben Truppen haben wir nach der Beendigung des Krieges in Norwegen auf ihrer Rückkehr von Dänemark am 28. Mai – 1. Juni 1940 wieder in Quartier gehabt.
Nachdem der Organist, Lehrer Gätke, in Biestow sein Organistenamt hat niederlegen müssen und am 1. Okt. 1939 Fräulein Margarete Witte in Biestow, das Orgelspiel übernommen hat, hat das Singen des Kinderchores bei Begräbnissen auf dem Kirchhof aufgehört. In der Gemeinde ist der Wunsch entstanden, nunmehr die Andacht bei Begräbnissen, vor der Beerdigung zu halten. Der K.G.R. [Kirchengemeinderat] hat darauf beschlossen, daß der Sarg mit der Leiche, geschlossen, in die Kirche gebracht und vor dem Altar aufgestellt wird. Dort erfolgt die Andacht, dann wird der Sarg zur Beerdigung an das Grab getragen. Nach der Beisetzung gehen die Leidtragenden nicht mehr in die Kirche, sondern kehren nach Hause zurück. So ist es zum ersten Male geschehen bei der Beerdigung des gefallenen Bauernsohnes Hans Allwardt aus Niendorf am 2. Mai 1940, dessen Leiche von St. Ingbert hierher transportiert worden war.
1941
In der Nacht vom Donnerstag, d. 11. Sept., zu Freitag, d. 12. September, kam ein englisches Flugzeuggeschwader auch über unsere Gemeinde und über Rostock. Die Feinde warfen auf der Feldmark von Biestow drei Sprengbomben und mehrere Brandbomben ab. Sie fielen auf das Stück des Kirchenackers hinter dem Hoppenhof, etwa 700 Meter von der Kirche entfernt [also auf dem Gelände, das die Ospa jetzt bebauen will] und richteten keinen weiteren Schaden an., als daß sie gewaltige Sprengtrichter auswarfen. Die Absicht der Feinde ist wohl die gewesen, eine Fliegerabwehrbatterie von 4 Geschützen zu treffen, die dort im Frühjahr dieses Jahres aufgestellt worden war. Indessen hatte diese Batterie vor wenigen Wochen ihre Stellung gewechselt.
In der Woche vom Freitag, d. 19., zu Sonnabend, d. 20. September 1941, überflogen von ½1 Uhr bis 5 Uhr englische Flieger wieder unsere Gemeinde. Diesmal wurde hier und in Rostock keine Bomben abgeworfen.
1942
In der Nacht auf den 25.4. sind in Biestow zwei Büdnereien, eine am Barnstorfer, und eine am Schwasser Kirchweg durch Brandbomben angezündet und vernichtet worden. Eine Brandbombe, welche in der Nacht zum 26.4. in das Wohnhaus der Harmschen Büdnerei am Teich gefallen war und Dach und Boden durchschlagen hatte, konnte entfernt und das Feuer im Entstehen gelöscht werden.
In der 4. Nacht 26./27. April (Montag morgen) fielen 4 ganz schwere Sprengbomben an den Ausgang des Dorfes Biestow nach Rostock zu. Dicke Verbrennungsgase erfüllten wie ein Nebel das ganze Dorf. Die Fensterscheiben im nördlichen (unteren) Teil des Dorfes wurden zertrümmert, aber an Häusern und Menschen weiterer Schaden nicht angerichtet.
Noch einmal in der Nacht vom 8. zum 9. (Sonnabend) Mai wiederholte der Feind seinen Angriff. Da nun mehr eine starke Abwehr an Geschützen und Scheinwerfern bereitgestellt war, kamen die Flugzeuge nicht bis über die Stadt. Nun warfen sie, um sich ihrer Last zu entledigen, ihre Spreng- und Brandbomben auf die Umgebung der Stadt. Dabei haben die nahe gelegenen Dörfer und die Felder schwer gelitten. Zwar ist die Biestower Gemeinde von Personenverlust und Gebäudebeschädigungen verschont geblieben, nur die beiden bei Mönckenweden ausgebauten Barnstorfer Bauern haben Gebäude und Ackerschäden gehabt.
Während der Zeit der Fliegerangriffe strömten vom Spätnachmittag bis in die Nacht hinein Scharen von Flüchtlingen aus Rostock durch unser Dorf, ein ununterbrochener Treck, um sich in der näheren oder weiteren Umgebung vor den Fliegern in Sicherheit zu bringen, und kampierten an den Wegen, auf den Feldern, in den Wäldern, denn die Häuser der Dörfer waren alle längst überfüllt mit Obdach Suchenden. Das Pfarrhaus beherbergte in den Nächten je 17 Personen, in Gr. Stove sind in einer Nacht 46 Personen im Wohnzimmer des Gutshauses gewesen, in wahrhaft großzügiger aufopfernder Weise nahm Frau Geitmann, die Frau des im Feld stehenden Besitzers, sich der Not der Obdachlosen an. Wenn der Fliegeralarm in Rostock etwa gegen 3 Uhr oder 3:30 Uhr abgeblasen wurde, wälzte sich der Treck der Menschen wieder in umgekehrter Richtung der Stadt zu, Menschen mit Koffern, Bündeln, Packen in der Hand, auf Handwagen und Fahrrädern – ein Anblick zum Erbarmen.
Am Abend des 1. Oktober um 10 Uhr begann wieder ein Angriff englischer Flieger auf Rostock. Die Flieger arbeiteten mit Sprengbomben, Luftminen, Brandbomben und Maschinengewehren. Die Stadt und ihre Umgebung wurde von der deutschen Fliegerabwehr in künstlichen Nebel eingehüllt. Die Fliegerabwehr eröffnete ein wildes Schießen. Ein feindlicher Flieger wurde bei Sildemow zum Absturz gebracht.
Am Sonntag, den 12. Oktober, wiederholte sich der Angriff und eine tolle Schießerei der deutschen Abwehr. Staebelow erlitt Schaden. Die Flieger, welche am 1. Oktober so tief über Biestow geflogen waren, daß man sie mit bloßem Auge in der Nacht deutlich sehen konnte und es manchmal aussah, als würden sie mit ihren Tragflächen unseren Kirchturm streifen, flogen diesmal aber höher über uns hinweg. Aber die Splitter der Geschosse der deutschen Abwehr prasselten wieder auf die Dächer der Kirche und des Pfarrhauses herab. Und wieder kamen am Montag d. 12. und Dienstag, d. 13. Oktober, etwa um 10 Uhr abends feindliche Flieger heran, ohne daß es zu einem eigentlichen Angriff kam.
1943
In der Nacht vom 20. auf 21. April 1943 wurde von Nordamerikanischen Bombenflugzeugen ein Angriff auf Rostock und die Umgegend gemacht. Die Flieger hatten den Auftrag gehabt, Berlin anzugreifen. Da sie dort nicht ans Ziel kamen, teilte sich dort das Geschwader, dessen einer, größerer Teil nach Stettin flog und dort namhafte Verheerungen anrichtete, dessen anderer Teil Rostock aufsuchte.
Auch das Dorf Biestow wurde mit Brandbomben beworfen. Hier brannten drei Schuppen ab und ein Wohnzimmer brannte aus. In ein anderes Wohnhaus fielen Brandbomben, die abgelöscht werden konnten, bevor der Brand sich ausdehnte. Weiterer Schaden durch Brand ist an Wohnhäusern und Ställen nicht geschehen. In der Kirche wurde durch den Luftdruck der Sprengbomben viele Fensterscheiben eingedrückt. In der Nacht vom 28./29. April war wieder Alarm. Es wurde ein feindlicher Flieger in der Nähe von Kritzmow abgeschossen, ohne daß es zu einem eigentlichen Angriff gekommen wäre.
1944
Als ich am Donnerstag, den 24. Februar meine Konfirmanden zum Unterricht in meinem Hause erwartete, wurde um ½2 Uhr Alarm gegeben und 5 Minuten später brauste ein Fliegerangriff über Biestow hinweg wie wir ihn noch nicht erlebt haben. Heulen, Bersten und Krachen – alles in eins, die Fensterscheiben splitterten. Als ich sofort nach dem Aufhören des Krachens aus der Haustür trat, um zu sehen, so etwa auf die Kirche, die Scheune, das Wohnhaus oder bei den Nachbarn Brandbomben geworfen seien, war der Hof mit Schmutz und Moorbrocken bedeckt und eine schwarze Qualmwolke von stinkendem Rauch zog von Westen her über das Boldtsche Nachbargehöft zwischen Pfarrhaus und Kirche hindurch, so daß die Kirche nicht mehr zu sehen war. Ein feiner Regen von Moorerde und Torfschlamm rieselte herab. Brandbomben waren in der Umgebung der Kirche nicht gefallen außer einem Benzinkanister, der neben der Kirchhofmauer gegenüber der Harmschen Büdnerei lag, aber nicht gezündet hatte. In der Kirche waren sämtliche Tafeln der bleiverglasten Fenster durch den Luftdruck heraus geworfen oder zerbrochen. Das Dach der Kirche hatte besonders auf der Nordseite beträchtliche Schäden. Im Garten der Hufe III war ein riesen Krater, etwa 75 Meter vom Pfarrhaus und vom Kirchturm entfernt. Die Viehkoppel der Hufe II und III war durch – wie ich zähle ca. 40 schwere und schwerste Bombeneinschläge in ein Kraterfeld verwandelt. Auch nördlich der Kirche und südlich vom Schwasser Kirchweg lag ein Kraterfeld von 20 Einschlägen. Im ganzen zählt man um Biestow herum ca. 185 Bombentrichter. An der Dorfstraße gegenüber der nordwestlichen Ecke des Neuen Kirchhofes sind 2 Häuslereien durch eine in die Straße einschlagende und eine dicht daneben in den Acker eingeschlagene Bombe, weggefegt, 4 weitere Häuslereien sind unbewohnbar geworden und die anderen schwer oder minder schwer beschädigt.“
Die Zerstörungen schräg gegenüber dem Friedhof sind im Vergleich von Luftbildaufnahmen aus dieser Zeit gut zu erkennen:
Quelle: Geodaten der Hanse- und Universitätsstdt Rostock / Bundesarchiv.
Quelle: Landesamt für innere Verwaltung M-V, historische Luftbildaufnahme Nr. 44_097_00_3058_L_1938
Die Häuslereien 32 bis 36 und 45 (Biestower Damm 7 bis 2) wurden nach Angaben aus der Volkszählungsliste vom Mai 1939 bewohnt von den Familien Ritter, Teichmann, Stadion (Hsl. 32), zwei mal Martens, Berens, Schlieker (Hsl. 33), Hadler (Hsl. 34), Lange, Christoph, Lübs (Hsl. 35), Oehmler, Proehl, Pantke, Stoffers (Hsl. 36) und der Familie des Lehrers i. R. Witte (Hsl. 45).
Quelle: Sammlung Thomas Werner, Rostock
Ende 1940 hatte die Reichsregierung noch die irrwitzige Vorstellung, dass man „Kriegsschäden“ mit Geldzahlungen abgelten oder anderweitig ersetzen könne, und hat dazu mit deutscher Gründlichkeit ein umfangreiches Paragraphenwerk, die „Kriegssachschädenverordnung“ (KSSchVO) verfasst. Im Verlauf des Krieges musste diese Verordnung mehrfach angepasst werden, u. a. durch die Reduzierung auf „kriegswichtige“ Einrichtungen und den Ausschluss jüdischer Eigentümer. Der Pastor hat es aber noch geschafft, dass für die kirchlichen Gebäude und Einrichtungen eine Schadenssumme von 1.200 Reichsmark durch Naturalleistung ersetzt wurde:
Quelle: Landeskirchliches Archiv Schwerin
Ob für die zerstörten und beschädigten Häuslereien ähnliche Entschädigungen bewilligt wurden, ist nicht überliefert.
Der Pastor berichtet weiter:
„Auf der Feldmark Gr. Stove sind ca. 160 Sprengbomben nieder gegangen, bei dem Sandkrug ca. 80. Das Feld von Biestow in Richtung auf Sildemow zu, von Gr. Stove und Niendorf ist mit Tausenden von ausgebrannten Sechskantstabbrandbomben besät. Eins der noch 2 übrigen Sildemower Bauernstellen ist bis auf das Wohnhaus abgebrannt. In Papendorf brannte das Wohnhaus der Börgerschen Ziegelei und in Gragetopshof der Viehstall und zwei Scheunen nieder. Menschenleben sind nicht vernichtet. In Biestow erlitt eine Person einen Schädelbruch und ihr Vater eine Schädelwunde durch Glassplitter an der Hand.
Gott hat seine Hand über Biestow gedeckt, sonst wäre das ganze Dorf ausgelöscht. Nur hat der unschuldige Acker die Wunden erhalten.
Nachdem dieser schwerste Angriff etwa um ¾2 Uhr vorüber war, erfolgte eine Stunde später, kurz vor 3 Uhr, ein zweiter großer Angriff, der aber über Biestow und die Biestower Gemeinde hinweg ging, ohne Schäden zu hinterlassen. Er hat wohl die Stadt Rostock getroffen, und dem Bahnhof gegolten. Vielleicht rühren von diesem 2. Angriff die vielen Brandbomben auf den Feldern her, von denen ich oben schrieb. In der Nähe von Sandkrug sind ungezählte Brandbomben, die teils mit Benzin, teils mit Phosphor gefüllt waren, abgeworfen worden. Noch heute erschüttern die Explosionen einzelner Blindgänger, die gesprengt werden, oder einzelne Zeitzünder, die nun erst wirken, die Luft und machen Fenster und Türen rütteln. Einem polnischen Mädchen aus Gr. Stove, welches während des ersten Angriffes auf dem Wege zwischen Biestow und Rostock war ist der Leib durch einen Bombensplitter aufgerissen worden. Der Tod trat auf der Stelle ein.
Als am 1. Ostertag, d. 9. April 1944 der Hauptgottesdienst beendet war, wurde Fliegeralarm gegeben. Um 12:15 Uhr zogen im strahlend blauen Himmel 5 Schwärme von je ca. 24 feindlichen Flugzeugen über uns hin.
Vier Flugzeuge stürzten vor unseren Augen brennend ab, eins stürzte in südöstlicher Richtung vom Pfarrhaus ab, das hatten wir nicht bemerkt, da wir in nördlicher Richtung beobachteten. Es fiel auf das Moldtschen Gehöft von Kritzmow, das abgebaut vom Dorfe liegt. Obwohl es brannte und auf den Hof stürzte, ist das Gehöft nicht abgebrannt. Dann kamen die Besatzungen der abgeschossenen Flugzeuge an Fallschirmen aus der blauen Luft herunter. Zwei Männer landeten am Fallschirm auf dem Biestower Pastoracker, der eine der beiden ca. 30 Meter von der südlichen Ecke des Pfarrgartens. Sie wurden gefangen genommen und durch das Dorf geführt. Der eine der beiden machte einen unangenehmen Eindruck und hatte ein höhnisches Lächeln im Gesicht. Es waren Amerikaner. Welches Interesse nimmt Amerika daran, Deutschland zu verwüsten?
In der Mittagszeit des 4. August flogen, mit dem bloßen Auge gut sichtbar, viele, nach hunderten von Flugzeugen zählende Schwärme feindlicher Flugzeuge von Westen kommend in östlicher Richtung über die Ostseeküste hin, blinkend im hellen Sonnenschein. Sie bogen etwa vor unseren Augen nach Südosten ab und kamen, eine Schleife fliegend nun von Süden über das Pfarrhaus fliegend auf Rostock zurück. Der Angriff galt den Flugzeugwerken von E. Heinkel in Marienehe und der Neptunwerft in Rostock. Wenn die Führerflugzeuge links (westlich) oberhalb des Pfarrhauses standen, warfen sie Bomben ab, die einen langen, weißen Rauchstreifen hinter sich ließen zum Zeichen, daß hier die Stelle sei, wo die nachkommenden Flugzeuge ihre Bomben abwerfen sollten. Da es windstilles, sonniges nur leichtbewölktes Wetter war, blieben die Rauchstreifen lange Zeit sichtbar. Die Bombenwürfe waren nur zu gut gezielt. Die Marieneher Werke wurden fast völlig zerstört. In der Biestower Gemeinde haben Schutow und Hof Barnstorf schwer gelitten.
Quelle: National Archives Catalog, USA
1945
Nach dem Einfall der Russen in Ost- und Westpreußen im Februar 1945 kamen viele Flüchtlinge in unsere Gemeinde, um Aufnahme zu suchen und zu finden. Im März kamen die Trecks hinterpommerscher Bauern, mit Pferden und wagen und Frauen und Kindern und Greisen auf dem Durchzug durch die Gemeinde, wochenlang, Wagen hinter Wagen, ein unbeschreiblicher Jammer.
Am Sonnabend, d. 17. März, Abend vor Judika, kamen 7 Wagen mit Flüchtlingen auf den Pfarrhof, 31 Personen wurden im Pfarrhaus unter Dach gebracht (Kinder, Frauen, Greise). Die Männer und Jungen nächtigten auf den Wagen. Der Treck zog am Dienstag, d. 20. Mz. weiter. Die Leute waren aus dem Kreis Saatzig in Pommern. Andere Wagen von demselben Treck, deren Pferde krank waren blieben bis zum 26. Mz. im Dorf. Am 25. Mz. (Palmarum) konfirmierte ich in einer Sonderfeier die Tochter des Führers dieses Trecks. Die anderen Dörfer der Gemeinde waren mit noch mehr Flüchtlingen belegt als Biestow. Viele Kinder und alte Leute sind während der Fahrt oder des Aufenthaltes in einem der Dörfer gestorben und wurden hier begraben. Särge waren schwer zu erlangen. Die Toten sind z.T. in einer Kiste begraben. 14 Tage lang habe ich in Biestow, Parkentin oder Stäbelow täglich Begräbnisse gehabt. Die hier durchziehenden Trecks wurden nach Ratzeburg geleitet und dort teils nach Hannover (Lüneburger Heide) teils nach Holstein verteilt. Die nach Hannover geleiteten pommerschen Flüchtlinge sind 3 Wochen darauf den amerikanischen Eroberern in die Hände gefallen.
Am Montag der stillen Woche, 26. Mz., rief der aus Zoppot geflüchtete Pfarrer Hugo Weiße fernmündlich an, daß er mit seiner Frau und einer Tochter auf dem Bahnhof in Rostock stehe und bäte, im Pfarrhaus in Biestow aufgenommen zu werden. 12 Kisten mit Flüchtlingsgut hatte er schon mit der Bahn hierher befördern lassen und waren hier untergestellt. Jetzt kommen die drei Personen und brachten noch viel Reisegut mit. Am Mittwoch, 21. Mz., abends, kommen noch weitere 2 Töchter der Weißeschen Familie zu uns ins Pfarrhaus, die auf einem anderen Wege Zoppot verlassen hatten. Sie blieben alle über das Osterfest und reisten alle am 5. April mit einer Mutter, die aus Schneidemühl geflüchtet und im Katherinenstift in Rostock untergebracht gewesen war, einer 85-jährigen Frau, ab, um in Hansühn bei Lasahn in Ostholstein eine Bleibe zu finden.
Als im März der Russe bis Frankfurt und Stettin durchgestoßen war und im April der Amerikaner die Elbe bei Magdeburg und Wittenberge erreicht hatte, wurde Rostock zur Festung umgebaut. Da kamen Tausende von russischen Kriegsgefangenen, um Rostock herum zu schanzen und an den Ausgängen der Stadt Barrikaden zu bauen. In Biestow wurden 1.200 Gefangene einquartiert, davon 200 Mann in der Pfarrscheune. Sie waren voller Ungeziefer, stehlen alles Eßbare dessen sie habhaft werden konnten, leerten selbst die Tröge mit Hühnerfutter aus, um es zu essen, und brachen die Zäune ab, um damit Lagerfeuer zu machen. Das Pfarrhaus bekam Einquartierung von den deutschen Wachmannschaften. Glücklicherweise blieb diese Plage nur vom 5. – 10. April. In Sildemow und Gr. Stove waren schon früher Gefangene gekommen und blieben z. T. auch noch länger. Ebenso wurden auch Papendorf und Kritzmow mit russischen Gefangenen belegt.
Nun müssen wir uns darauf gefaßt machen, daß auch zu uns die Kämpfe kommen, und darauf Vorkehrungen treffen. Die Abendmahlsgeräte sind beseitigt, fort geschafft, die Kirchenbücher und wichtigen Akten in die Kirche gebracht und in einer verschließbaren Nische in der dicken Felsenmauer des Altarraumes untergebracht. Für die Bewohner des Pfarrhauses sind im Garten Deckungsgräben und Löcher ausgehoben. Wenn aber es vor, um und in Rostock zur Schlacht kommt, werden alle diese Vorkehrungen von geringem Wert sein.
1945, d. 31. Mai. – Ich überblicke den Monat Mai, der ein Monat schweren Unheils für unsere Gemeinde war. Da es in der ganzen Biestower Gemeinde teils glimpflicher teils schlimmer herging als im Pfarrhause und da ich unmöglich alle Einzelheiten aufschreiben kann, berichte ich, was sich vor meinen Augen abgespielt hat. Das Unheil nahm seinen Anfang am Dienstag nach Cantate, am 1. Mai. Die in den letzten Apriltagen im Raum um Rostock einquartiert gewesene Fliegerdivision bekam Befehl, schleunigst abzurücken. Die wertvollen Nachrichtengeräte, welche nicht mehr abgebaut werden konnten wurden vernichtet. Die deutschen Soldaten waren auf einmal verschwunden. Am Mittag und Nachmittag hörten wir am 1. Mai einige Kanonenschüsse. Obwohl Rostock verschanzt und verbarrikadiert war, wurde es nicht verteidigt. Drei Schüsse des Feindes schlugen in die Stadt und setzten 3 Häuser am Hopfenmarkt in Brand. Dann wurde die weiße Fahne gezeigt.
Am Dienstag, 2. Mai, Nachm. kamen russische Panzerwagen mit aufgesessener Infanterie in großer Zahl nach Biestow und besetzten alle Ausgänge des Dorfes. Einer stellte sich in der Südspitze des Pfarrgartens unter der großen Linde auf, nachdem er den Zaun auf beiden Seiten des Gartens niedergewälzt hatte. Sobald die Panzer in Stellung gegangen waren, drangen die Soldaten in die Häuser ein.“
Pastor Voß beschreibt im Anschluss noch die schrecklichen Gräueltaten der russischen Soldaten, soweit er sie persönlich beobachtet hat, und die völlige Demoralisierung der Landbevölkerung unter russischer Besatzung im Folgejahr:
„Die Frühjahrsackerbestellung kann nicht beginnen, das Sommerkorn kann nicht gesät werden. Das Winterkorn ist wohl zum allergrößten Teil bei dem nackten Frost ausgewintert. Das Schuhzeug ist zerrissen, die Kleidung ist abgetragen, Kohlen hat es nicht gegeben, die Holzvorräte sind längst verbraucht. Der deutsche Wald ist stündlich abgeholzt, vernichtet. Die Bevölkerung ist demoralisiert. Und das ist das schlimmste an dem Gericht, welches über unser deutsches Land ergeht. Das kirchliche Leben ist auf einem Tiefpunkt angelangt. An den 10 Sonntagen zwischen Neujahr und Reminiscere mußte der Gottesdienst in der Kirche sechsmal ausfallen, weil aus der großen (z. Zt. etwa 4.000 Seelen zählenden) Gemeinde niemand zur Kirche gekommen war. Im Konfirmandenunterricht fehlten heute 49 von 60 Kindern.“
Soweit die Aufzeichnungen des Pastors.
Eine weitere sehr persönliche Schilderung der Verwüstungen vom 24. Februar 1944 ist in Form eines Feldpostbriefes, den die Frau des Lehrers Arthur Gätke an ihren dienstverpflichteten Mann geschickt hat, erhalten geblieben. Eine Kopie dieses Briefes wurde dem Autor dieses Beitrags von Prof. Dr. Johann Gätke, einem Sohn des Ehepaars, dankenswerterweise überlassen:
„Biestow, 25. Febr. 44
Mein lieber Mann!
Wir leben, wir sind gesund und unser Häuslein steht. Ich weiß noch nicht, was der Wehrmachtbericht über feindliche Einflüge des gestrigen Tages sagt, ob er Dich irgendwie beunruhigt. Seit wenigen Minuten haben wir erst wieder Licht. Ja, der gestrige Tag! Den werden die Kinder und ich nicht vergessen. Ganz Biestow wird ihn nie vergessen. Doch ich will Dir schildern, wie er verlief.
Schon um 10 Uhr hatten wir Voralarm. Johann jubelte, daß er nicht zu Schule brauchte. Um 12 Uhr gab es Vollalarm. Doch alles blieb ruhig. Wir hatten gegessen und die Küche war auch bald fertig. Den Kindern hatte ich erlaubt, auf dem Hof zu spielen, falls aber geschossen würde, sollten sie sofort ins Haus kommen. Das Eis lockte noch, sie waren mit Mühe zu halten. Um 13 Uhr gingen sie zur Flak, fragen, ob schon Entwarnung gewesen sei. Ich saß im Eßzimmer. Da hörte ich es schießen, schaltete das Radio ab und sah nach den Kindern. Die kamen schon angerannt, angezogen waren sie ja. So zog ich mir meinen Mantel über, der Koffer stand schon griffbereit an der Tür. Als ich schnell noch die Gardinen beiseitezog, sah ich auch schon eine fürchterliche Feuersäule und schwarzen Qualm hinter Krempien, eine erschütterung folgte der anderen, Fenster klirrten, die Eßzimmerlampe lag auf dem Tisch und überall regnete der Putz. Ich glaubte, das Haus stürze ein und rief den Kindern zu, in den Bunker zu rennen. Mir stand das Herz still. Sie liefen aus der Tür und die Dachziegel prasselten herab. Anke sah ich nicht und lief noch einmal in diee Wohnung, rief, griff nach dem Koffer und da Anke doch nicht mehr hier war, lief ich auch in den Bunker. Dort waren meine Drei, gesund, Arthur, gesund! Alles andere war mir gleichgültig. Die Kinder waren alle drei dort und riefen nach Mutti. Nach und nach kamen die anderen in den Bunker. Auch von der Flak kamen sie gerannt. Aber da war alles längst vorrüber. Meine Uhr, die bedrohlich nahe am Rand des Schrankes stand, war um 1331 Uhr sethengeblieben. Ich hielt Ausschau nach unserem Häuslein. Es brannte nicht.
Aber Wittes sah gespensterhaft aus. An der Chaussee brannte eine Bauernstelle, bis spät in die Nacht hinein. Nach der Entwarnung sahen wir, was geschehen. In ganz Biestow ist wohl kein Haus ohne gebrochene Scheiben. Dä[cher] sind abgedeckt. Vor Wittes ist ein mächtiger Trichter. Die Straße ist gesperrt, noch liegen Blindgänger. Wittes leben, das ist ein Wunder. Öhmler ist ganz verschwunden, Personen waren alle im Bunker. Langes ist völlig abgedeckt. Frau Lange ist als einzigste verwundet. Es sind in und um Biestow 140 Bombentrichter gezählt. Rostock hat nichts abgekriegt. Abeer in den Schrebergärten soll es wüst aussehen. Hinter Niekrenz, Krempien bis Paap und Großkord ist alles umgewühlt. Auch hinter Niekrenz liegt noch ein Blindgänger.
Um 15 Uhr hatten wir dann wieder Alarm. Die Kinder weinten. Frau Trense wurde ohnmächtig. Es dauerte auch nicht sehr lange, als die nächste Welle kam. Wieder nur wenige Minuten, unheimliches Getöse und Erschüttern. Diesmal galt es Rostock. Nachher ging es ans Ausfegen. Arthur, wie sah unser Häuslein aus! So viel Dreck! Überall hab ich einen Eimer voll Schutt.
Auch Brandbomben sind viel gefallen. In Boldts Stalldach steckt senkrecht ein Baumstumpf. – Haben wir aber nicht Glück bei allem gehabt? Nirgends einen Volltreffer, keinen Toten und keinen Brand im Dorf? Vielleicht verschonen sie uns nun. Gelernt haben wir aber alle, sofort bei Alarm in den Bunker zu gehen. Ich höre eben, daß gestern über dem Reichsgebiet 166 Feindflieger abgeschossen sind.
Lieber Mann, ich kann Dir doch wieder melden, daß wir gesund sind. Freu Dich darüber! Und wie geht es Dir wohl?
Sei innig gegrüßt von
Deinen Kindern u.
Lore“
Zur Einordnung der Namen und Orte: Die Hofstelle von Bauer Krempien (Hufe III) befand sich dort, wo heute der Blumenladen „Angelangt“ ist, Wittes wohnten in der Häuslerei 45 (Biestower Damm 2), Öhmlers in der Häuslerei 36 (Biestower Damm 3) und Familie Lange in der Häuslerei 35 (Biestower Damm 4). Von Frau Trense ist nichts weiter bekannt. Familie Niekrenz betreibt bis heute die Gastwirtschaft „Zum Bauernhaus“, Familie Paap bewirtschaftete die Büdnerei 14 (Klein Schwaßer Weg 2) und Familie Groskorth die Büdnerei 12 (Damerower Weg 8, heute Fohlenhof). Die Hofstelle von Bauer Boldt (Hufe I) befand sich am Klein Stover Weg, wurde zuerst mit dem Maschinenbauhandel und dann mit dem Wohngebiet „Am Herrnteich“ überbaut.
Familie Gätke bewohnte die Lehrerwohnung in der Alten Schule. Das Schulhaus wurde im Jahr 1856 erbaut. Es gehört damit zu den ältesten noch vorhandenen Gebäuden in Biestow. Nach 1990 wurde das Gebäude zu einem Doppelwohnhaus umgebaut (Biestower Damm 55 / 55b). Der im Brief mehrfach erwähnte „Bunker“ war ein privater Schutzraum im Garten des Schulhauses.
Quelle: Sammlung D. Brandenburg, Biestow

