Neues und Altes aus der Biestower Feldflur

Am 14. September erschien im Lokalteil der Ostsee-Zeitung ein kleiner Beitrag unter der Überschrift: „Bau-Fortschritt für neue Wohnungen am Rostocker Stadtrand“.

Darin war zu lesen: „Auf dem Acker am Rand der Rostocker Südstadt tut sich etwas: Die Erschließung für das neue Wohngebiet in Biestow hat begonnen. 800 neue Wohnungen sollen hier entstehen hier. Rund die Hälfte davon wird auf der Rostocker Gebietsseite von der Ostseesparkasse gebaut. ‚Am Anfang stehen sämtliche Naturschutzmaßnahmen‘, sagt Matthias Horn, Immobilienentwickler bei der Ospa Rostock. Kampfmittelräumer stießen auf Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg. Damit habe er nicht gerechnet, so Horn.“

Woher sollte Herr Horn so etwas auch wissen? Wenn man sich mir der jüngeren Geschichte eines ehemaligen Dorfes, dessen Ackerflächen man bebauen will, hauptsächlich aus kaufmännischem Interesse und für Marketingzwecke beschäftigt, kann einem das schon mal entgehen.

Nur noch ganz wenige ältere Einwohner Biestows können sich an die dunklen Zeiten erinnern, als nach der Reichstagswahl von 1933, bei der die NSDAP mit 43,9 % der abgegebenen Stimmen stärkste Kraft wurde, die endgültige „Machtergreifung“ durch die Nazis folgte. Die Konsequenzen des damaligen Wählervotums, inklusive der Umsetzung der im Parteiprogramm dargelegten völkisch rassistischen Ideologie und der Versuch der „Eroberung von Lebensraum im Osten“ sind auch an Biestow nicht spurlos vorübergegangen. Der in dieser Zeit amtierende Pastor Voß hat die Kriegsereignisse ausführlich dokumentiert.

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Einige Bemerkungen vorab:

Bei der Wahl zum Landtag des Freistaates Mecklenburg-Schwerin 1932 war in der Gemeinde Biestow die NSDAP mit 42,3 % der abgegebenen Stimmen stärkste Kraft geworden, vor der SPD mit 36,2 %. Die Wahlbeteiligung lag bei 81,8 %.

Ergebnisse Landtagswahl 1932 in Biestow
Ergebnisse der Wahl zum Schweriner Landtag im Sommer 1932: In der Gemeinde Biestow ging die NSDAP mit 42,3 % der abgegebenen Stimmen als klarer Sieger hervor.
Quelle: Screenshot aus dem interaktiven Wahlatlas des Interdisziplinären Forschungszentrums Ostseeraum an der Uni Greifswald.

Bisher konnten keine Quellen gefunden werden, aus denen ersichtlich wird, mit welchen Mehrheiten die Reichstagswahlen 1933 in der Biestower Gemeinde ausgegangen sind. Aus zeitgenössischen Darstellungen ist aber unverkennbar, dass der Führerkult und die völkisch-folkloristische Deutschtümelei auch bei der Biestower Landbevölkerung auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Da wurden eifrig Phantasietrachten geschneidert, es gab vielfältige gemeinschaftliche Freizeitgestaltungen und zur Erntezeit fuhr man zum zentralen „Reichserntedankfest“ auf dem Bückeberg, um dort dem „Führer“ zu huldigen.

Auszug aus dem Rostocker Anzeiger von 1934 mit Foto von Landfrauen nebst Schulze
Landfrauen in Phantasietrachten vor der Abfahrt zum Bückeberg – Rostocker Anzeiger vom 30. September 1934.
In einer Privatsammlung befindet sich ein undatierter vergrößerter Abzug des obigen Fotos in guter Qualität mit der Bildunterschrift: „Uns Buer führt mit uns nah Hamborg tau de Utstellung“. Als Fotograf ist Herr Eschenburg, Warnemünde, angegeben.

In dieser Umgebung hatte der Pastor einen schweren Stand, zumal auch die Kirchenoberen sich früh mit den Nationalsozialisten arrangiert hatten.

Ab 1936 hatte er gegen eine zunehmende Anzahl ideologisch motivierter Kirchenaustritte zu kämpfen, so dass er im Februar 1937 in einem Beitrag für das damalige Gemeindeblatt „Unsere Heimatkirche“ ausführlich Stellung beziehen musste. Unter anderem verwies er auf den 24. Punkt des NSDAP-Parteiprogramms und versuchte deutlich zu machen, dass die Mitgliedschaft in den christlichen Kirchen vom Führer ausdrücklich erwünscht sei. Trotzdem muss er in seinen Aufzeichnungen konstatieren: „Das Jahr 1938 brachte eine große Anzahl von Austritten aus der ev-luth. Kirche in der Gemeinde. […] Der Besuch der Gottesdienste, Abendmahlsfeiern und Bibelstunden nahm in erheblichen Maße ab.“

Der Pastor hat immerhin versucht, sich öffentlich gegen die schleichenden Vereinnahmungen durch die NS-Ideologen abzugrenzen. Deutlich wird das zum Beispiel in seinem Beitrag für das Gemeindeblatt anlässlich der Glockenweihe am 21. September 1930, in der er bewusst hervorhebt, dass der Festzug von „zwei Bauern in unserer echten, alten, geschichtlichen Tracht“ angeführt wurde, und dass der Festwagen mit „zwei Bäuerinnen in der alten kleidsamen Biestower Tracht“ besetzt war.

Auch wenn in anderen Beiträgen im Gemeindeblatt die Anbiederung an die menschenverachtende und rassistische Ideologie der Nazis (Führerprinzip, Euthanasieprogramm, Antisemitismus) erkennbar wird, so war dies offensichtlich nur ein untauglicher Versuch, seinen christlichen Glauben weiterhin als letzten und höchsten moralischen Kompass gegen die pseudoreligiösen Heilsversprechungen der Nazis zu verteidigen, um so seinen seelsorgerischen Auftrag erfüllen zu können. Mit Sicherheit hat er nicht von der Kanzel herab den Nazis das Wort geredet.

Wenn also in seinen Aufzeichnungen hie und da abfällige Bemerkungen zu Angehörigen fremder Nationen gemacht werden, sollte man daraus nicht auf die innere Haltung des Pastors schließen. Sie verdeutlichen aber, wie sehr die damalige Propagandamaschinerie die Hirne der Menschen vernebelt hat.

Nachfolgend einige Auszüge aus den Aufzeichnungen des Pastors, nur die Gemeinde Biestow betreffend:

„1939

Gegen Ende des Augustmonats spitzen sich die politischen Verhältnisse mehr und mehr zu. Die Sprache der Staatsmänner wurde eine immer drohendere. Am Anfang des September wurde der Krieg an Polen erklärt. Eine öffentlich bekannt gemachte Mobilmachung hat es nicht gegeben. Heerespflichtige wurden durch direkten Befehl, einem persönlich ergehenden Gestellungsbefehl, zur Wehrmacht eingezogen. Sie verschwanden stillschweigend aus der Gemeinde, der eine heute, der andere morgen.

Während des Krieges hatten die Dörfer unserer Gemeinde verschiedentlich Einquartierung deutscher Soldaten. Vom 30. Aug. – 10. Sept. 1939 war Biestow von einer Sanitätskompanie belegt, die hier aufgestellt und ausgebildet wurde.

1940

Als im April die deutsche Wehrmacht Norwegen und Dänemark besetzte, um der Besetzung durch die Engländer zuvorzukommen, bekamen wir wieder Einquartierung von deutschen Truppen, welche über Warnemünde mit der Fähre nach Dänemark fuhren, und hier am 10. – 11. April auf ihren Abtransport warteten. Dieselben Truppen haben wir nach der Beendigung des Krieges in Norwegen auf ihrer Rückkehr von Dänemark am 28. Mai – 1. Juni 1940 wieder in Quartier gehabt.

Nachdem der Organist, Lehrer Gätke, in Biestow sein Organistenamt hat niederlegen müssen und am 1. Okt. 1939 Fräulein Margarete Witte in Biestow, das Orgelspiel übernommen hat, hat das Singen des Kinderchores bei Begräbnissen auf dem Kirchhof aufgehört. In der Gemeinde ist der Wunsch entstanden, nunmehr die Andacht bei Begräbnissen vor der Beerdigung zu halten. Der K.G.R. [Kirchengemeinderat] hat darauf beschlossen, daß der Sarg mit der Leiche, geschlossen, in die Kirche gebracht und vor dem Altar aufgestellt wird. Dort erfolgt die Andacht, dann wird der Sarg zur Beerdigung an das Grab getragen. Nach der Beisetzung gehen die Leidtragenden nicht mehr in die Kirche, sondern kehren nach Hause zurück. So ist es zum ersten Male geschehen bei der Beerdigung des gefallenen Bauernsohnes Hans Allwardt aus Niendorf am 2. Mai 1940, dessen Leiche von St. Ingbert hierher transportiert worden war.

1941

In der Nacht vom Donnerstag, d. 11. Sept., zu Freitag, d. 12. September, kam ein englisches Flugzeuggeschwader auch über unsere Gemeinde und über Rostock. Die Feinde warfen auf der Feldmark von Biestow drei Sprengbomben und mehrere Brandbomben ab. Sie fielen auf das Stück des Kirchenackers hinter dem Hoppenhof, etwa 700 Meter von der Kirche entfernt [also auf dem Gelände, das die Ospa jetzt bebauen will] und richteten keinen weiteren Schaden an, als daß sie gewaltige Sprengtrichter auswarfen. Die Absicht der Feinde ist wohl die gewesen, eine Fliegerabwehrbatterie von 4 Geschützen zu treffen, die dort im Frühjahr dieses Jahres aufgestellt worden war. Indessen hatte diese Batterie vor wenigen Wochen ihre Stellung gewechselt.

In der Woche vom Freitag, d. 19., zu Sonnabend, d. 20. September 1941, überflogen von ½1 Uhr bis 5 Uhr englische Flieger wieder unsere Gemeinde. Diesmal wurde hier und in Rostock keine Bomben abgeworfen.

1942

In der Nacht auf den 25.4. sind in Biestow zwei Büdnereien, eine am Barnstorfer, und eine am Schwasser Kirchweg [vermutlich am Damerower Weg 11 und am Klein Schwaßer Weg 2] durch Brandbomben angezündet und vernichtet worden. Eine Brandbombe, welche in der Nacht zum 26.4. in das Wohnhaus der Harmschen Büdnerei am Teich [Am Dorfteich 2] gefallen war und Dach und Boden durchschlagen hatte, konnte entfernt und das Feuer im Entstehen gelöscht werden.

In der 4. Nacht 26./27. April (Montag morgen) fielen 4 ganz schwere Sprengbomben an den Ausgang des Dorfes Biestow nach Rostock zu. Dicke Verbrennungsgase erfüllten wie ein Nebel das ganze Dorf. Die Fensterscheiben im nördlichen (unteren) Teil des Dorfes wurden zertrümmert, aber an Häusern und Menschen weiterer Schaden nicht angerichtet.

Noch einmal in der Nacht vom 8. zum 9. (Sonnabend) Mai wiederholte der Feind seinen Angriff. Da nun mehr eine starke Abwehr an Geschützen und Scheinwerfern bereitgestellt war, kamen die Flugzeuge nicht bis über die Stadt. Nun warfen sie, um sich ihrer Last zu entledigen, ihre Spreng- und Brandbomben auf die Umgebung der Stadt. Dabei haben die nahe gelegenen Dörfer und die Felder schwer gelitten. Zwar ist die Biestower Gemeinde von Personenverlust und Gebäudebeschädigungen verschont geblieben, nur die beiden bei Mönckenweden ausgebauten Barnstorfer Bauern haben Gebäude und Ackerschäden gehabt.

Während der Zeit der Fliegerangriffe strömten vom Spätnachmittag bis in die Nacht hinein Scharen von Flüchtlingen aus Rostock durch unser Dorf, ein ununterbrochener Treck, um sich in der näheren oder weiteren Umgebung vor den Fliegern in Sicherheit zu bringen, und kampierten an den Wegen, auf den Feldern, in den Wäldern, denn die Häuser der Dörfer waren alle längst überfüllt mit Obdach Suchenden. Das Pfarrhaus beherbergte in den Nächten je 17 Personen, in Gr. Stove sind in einer Nacht 46 Personen im Wohnzimmer des Gutshauses gewesen, in wahrhaft großzügiger aufopfernder Weise nahm Frau Geitmann, die Frau des im Feld stehenden Besitzers, sich der Not der Obdachlosen an. Wenn der Fliegeralarm in Rostock etwa gegen 3 Uhr oder 3:30 Uhr abgeblasen wurde, wälzte sich der Treck der Menschen wieder in umgekehrter Richtung der Stadt zu, Menschen mit Koffern, Bündeln, Packen in der Hand, auf Handwagen und Fahrrädern – ein Anblick zum Erbarmen.

Am Abend des 1. Oktober um 10 Uhr begann wieder ein Angriff englischer Flieger auf Rostock. Die Flieger arbeiteten mit Sprengbomben, Luftminen, Brandbomben und Maschinengewehren. Die Stadt und ihre Umgebung wurde von der deutschen Fliegerabwehr in künstlichen Nebel eingehüllt. Die Fliegerabwehr eröffnete ein wildes Schießen. Ein feindlicher Flieger wurde bei Sildemow zum Absturz gebracht.

Am Sonntag, den 12. Oktober, wiederholte sich der Angriff und eine tolle Schießerei der deutschen Abwehr. Staebelow erlitt Schaden. Die Flieger, welche am 1. Oktober so tief über Biestow geflogen waren, daß man sie mit bloßem Auge in der Nacht deutlich sehen konnte und es manchmal aussah, als würden sie mit ihren Tragflächen unseren Kirchturm streifen, flogen diesmal aber höher über uns hinweg. Aber die Splitter der Geschosse der deutschen Abwehr prasselten wieder auf die Dächer der Kirche und des Pfarrhauses herab. Und wieder kamen am Montag d. 12. und Dienstag, d. 13. Oktober, etwa um 10 Uhr abends feindliche Flieger heran, ohne daß es zu einem eigentlichen Angriff kam.

1943

In der Nacht vom 20. auf 21. April 1943 wurde von Nordamerikanischen Bombenflugzeugen ein Angriff auf Rostock und die Umgegend gemacht. Die Flieger hatten den Auftrag gehabt, Berlin anzugreifen. Da sie dort nicht ans Ziel kamen, teilte sich dort das Geschwader, dessen einer, größerer Teil nach Stettin flog und dort namhafte Verheerungen anrichtete, dessen anderer Teil Rostock aufsuchte.

Auch das Dorf Biestow wurde mit Brandbomben beworfen. Hier brannten drei Schuppen ab und ein Wohnzimmer brannte aus. In ein anderes Wohnhaus fielen Brandbomben, die abgelöscht werden konnten, bevor der Brand sich ausdehnte. Weiterer Schaden durch Brand ist an Wohnhäusern und Ställen nicht geschehen. In der Kirche wurde durch den Luftdruck der Sprengbomben viele Fensterscheiben eingedrückt. In der Nacht vom 28./29. April war wieder Alarm. Es wurde ein feindlicher Flieger in der Nähe von Kritzmow abgeschossen, ohne daß es zu einem eigentlichen Angriff gekommen wäre.

1944

Als ich am Donnerstag, den 24. Februar meine Konfirmanden zum Unterricht in meinem Hause erwartete, wurde um ½2 Uhr Alarm gegeben und 5 Minuten später brauste ein Fliegerangriff über Biestow hinweg wie wir ihn noch nicht erlebt haben. Heulen, Bersten und Krachen – alles in eins, die Fensterscheiben splitterten. Als ich sofort nach dem Aufhören des Krachens aus der Haustür trat, um zu sehen, so etwa auf die Kirche, die Scheune, das Wohnhaus oder bei den Nachbarn Brandbomben geworfen seien, war der Hof mit Schmutz und Moorbrocken bedeckt und eine schwarze Qualmwolke von stinkendem Rauch zog von Westen her über das Boldtsche Nachbargehöft zwischen Pfarrhaus und Kirche hindurch, so daß die Kirche nicht mehr zu sehen war. Ein feiner Regen von Moorerde und Torfschlamm rieselte herab. Brandbomben waren in der Umgebung der Kirche nicht gefallen außer einem Benzinkanister, der neben der Kirchhofmauer gegenüber der Harmschen Büdnerei lag, aber nicht gezündet hatte. In der Kirche waren sämtliche Tafeln der bleiverglasten Fenster durch den Luftdruck heraus geworfen oder zerbrochen. Das Dach der Kirche hatte besonders auf der Nordseite beträchtliche Schäden. Im Garten der Hufe III war ein riesen Krater, etwa 75 Meter vom Pfarrhaus und vom Kirchturm entfernt. Die Viehkoppel der Hufe II und III war durch – wie ich zähle ca. 40 schwere und schwerste Bombeneinschläge in ein Kraterfeld verwandelt. Auch nördlich der Kirche und südlich vom Schwasser Kirchweg lag ein Kraterfeld von 20 Einschlägen. Im ganzen zählt man um Biestow herum ca. 185 Bombentrichter. An der Dorfstraße gegenüber der nordwestlichen Ecke des Neuen Kirchhofes sind 2 Häuslereien durch eine in die Straße einschlagende und eine dicht daneben in den Acker eingeschlagene Bombe, weggefegt, 4 weitere Häuslereien sind unbewohnbar geworden und die anderen schwer oder minder schwer beschädigt.“

Die Zerstörungen schräg gegenüber dem Friedhof sind im Vergleich von Luftbildaufnahmen aus dieser Zeit gut zu erkennen:

Luftbild 1938
Luftbildaufnahme von 1938. Gelbe Zahlen bezeichnen die Nummern der Häuslereien, blaue Zahlen sind die heutigen Hausnummern. Die Häuslerzeile 32 bis 36 und 45 ist noch vollständig erhalten.
Quelle: Geodaten der Hanse- und Universitätsstdt Rostock / Bundesarchiv.

Luftbild 1944
Der gleiche Bilddausschnitt in einem Aufklärungsfoto der Alliierten vom 29.05.1944. Gut zu erkennen ist, dass die Häuslereien 45 und 36 bis auf die Grundmauern zerstört waren. Die Häuslerei 35 war wohl so stark beschädigt, dass das Gebäude später abgetragen werden musste. Die Häuslerei 36 wurde später mehr schlecht als recht wieder aufgebaut. Vor kurzem wurde das Gebäude endgültig abgerissen, um einem Neubau Platz zu machen. Angeblich soll sich damals auf dem benachbarten Gelände der Neuen Schule (heute „Rittmeister“) eine Flak-Stellung befunden haben.
Quelle: Landesamt für innere Verwaltung M-V, historische Luftbildaufnahme Nr. 44_097_00_3058_L_1938

Die Häuslereien 32 bis 36 und 45 (Biestower Damm 7 bis 2) wurden nach Angaben aus der Volkszählungsliste vom Mai 1939 bewohnt von den Familien Ritter, Teichmann, Stadion (Hsl. 32), zwei mal Martens, Berens, Schlieker (Hsl. 33), Hadler (Hsl. 34), Lange, Christoph, Lübs (Hsl. 35), Oehmler, Proehl, Pantke, Stoffers (Hsl. 36) und der Familie des Lehrers i. R. Witte (Hsl. 45).

Dorfstraße Biestow mit den Häuslereien 35, 36 u nd 45
Ausschnitt aus einem Postkartenmotiv: Die Biestower Dorfstraße in den 1920er oder 1930er Jahren. Links die intakte Friedhofsmauer, rechts die Häuslereien 34, 35, 36 und am Ende etwas verdeckt die Häuslerei 45 (Biestower Damm 5, 4, 3 und 2). Der Absender der Karte hatte unter das Foto notiert: „Unser neues Heim“.
Quelle: Sammlung Thomas Werner, Rostock

Ende 1940 hatte die Reichsregierung noch die irrwitzige Vorstellung, dass man „Kriegsschäden“ mit Geldzahlungen abgelten oder anderweitig ersetzen könne, und hat dazu mit deutscher Gründlichkeit ein umfangreiches Paragraphenwerk, die „Kriegssachschädenverordnung“ (KSSchVO) verfasst. Im Verlauf des Krieges musste diese Verordnung mehrfach angepasst werden, u. a. durch die Reduzierung auf „kriegswichtige“ Einrichtungen und den Ausschluss jüdischer Eigentümer. Der Pastor hat es aber noch geschafft, dass für die kirchlichen Gebäude und Einrichtungen eine Schadenssumme von 1.200 Reichsmark durch Naturalleistung ersetzt wurde:

Bewilligungsbescheid vom 16. Juni 1944 über Ersatzleistungen in Natur für die Kriegsschäden von April/Mai 1942, April 1943 und vom 24. Februar 1944 am Pfarrwohnhaus, der Pfarrscheune, dem Pfarrschweinestall, der Kirche und der Friedhofsmauer.
Quelle: Landeskirchliches Archiv Schwerin

Ob für die zerstörten und beschädigten Häuslereien ähnliche Entschädigungen bewilligt wurden, ist nicht überliefert.

Der Pastor berichtet weiter:

„Auf der Feldmark Gr. Stove sind ca. 160 Sprengbomben nieder gegangen, bei dem Sandkrug ca. 80. Das Feld von Biestow in Richtung auf Sildemow zu, von Gr. Stove und Niendorf ist mit Tausenden von ausgebrannten Sechskantstabbrandbomben besät. Eins der noch 2 übrigen Sildemower Bauernstellen ist bis auf das Wohnhaus abgebrannt. In Papendorf brannte das Wohnhaus der Börgerschen Ziegelei und in Gragetopshof der Viehstall und zwei Scheunen nieder. Menschenleben sind nicht vernichtet. In Biestow erlitt eine Person einen Schädelbruch und ihr Vater eine Schädelwunde durch Glassplitter an der Hand.

Gott hat seine Hand über Biestow gedeckt, sonst wäre das ganze Dorf ausgelöscht. Nur hat der unschuldige Acker die Wunden erhalten.

Nachdem dieser schwerste Angriff etwa um ¾2 Uhr vorüber war, erfolgte eine Stunde später, kurz vor 3 Uhr, ein zweiter großer Angriff, der aber über Biestow und die Biestower Gemeinde hinweg ging, ohne Schäden zu hinterlassen. Er hat wohl die Stadt Rostock getroffen, und dem Bahnhof gegolten. Vielleicht rühren von diesem 2. Angriff die vielen Brandbomben auf den Feldern her, von denen ich oben schrieb. In der Nähe von Sandkrug sind ungezählte Brandbomben, die teils mit Benzin, teils mit Phosphor gefüllt waren, abgeworfen worden. Noch heute erschüttern die Explosionen einzelner Blindgänger, die gesprengt werden, oder einzelne Zeitzünder, die nun erst wirken, die Luft und machen Fenster und Türen rütteln. Einem polnischen Mädchen aus Gr. Stove, welches während des ersten Angriffes auf dem Wege zwischen Biestow und Rostock war, ist der Leib durch einen Bombensplitter aufgerissen worden. Der Tod trat auf der Stelle ein.

Als am 1. Ostertag, d. 9. April 1944 der Hauptgottesdienst beendet war, wurde Fliegeralarm gegeben. Um 12:15 Uhr zogen im strahlend blauen Himmel 5 Schwärme von je ca. 24 feindlichen Flugzeugen über uns hin.

Vier Flugzeuge stürzten vor unseren Augen brennend ab, eins stürzte in südöstlicher Richtung vom Pfarrhaus ab, das hatten wir nicht bemerkt, da wir in nördlicher Richtung beobachteten. Es fiel auf das Moldtschen Gehöft von Kritzmow, das abgebaut vom Dorfe liegt. Obwohl es brannte und auf den Hof stürzte, ist das Gehöft nicht abgebrannt. Dann kamen die Besatzungen der abgeschossenen Flugzeuge an Fallschirmen aus der blauen Luft herunter. Zwei Männer landeten am Fallschirm auf dem Biestower Pastoracker, der eine der beiden ca. 30 Meter von der südlichen Ecke des Pfarrgartens. Sie wurden gefangen genommen und durch das Dorf geführt. Der eine der beiden machte einen unangenehmen Eindruck und hatte ein höhnisches Lächeln im Gesicht. Es waren Amerikaner. Welches Interesse nimmt Amerika daran, Deutschland zu verwüsten?

In der Mittagszeit des 4. August flogen, mit dem bloßen Auge gut sichtbar, viele, nach hunderten von Flugzeugen zählende Schwärme feindlicher Flugzeuge von Westen kommend in östlicher Richtung über die Ostseeküste hin, blinkend im hellen Sonnenschein. Sie bogen etwa vor unseren Augen nach Südosten ab und kamen, eine Schleife fliegend nun von Süden über das Pfarrhaus fliegend auf Rostock zurück. Der Angriff galt den Flugzeugwerken von E. Heinkel in Marienehe und der Neptunwerft in Rostock. Wenn die Führerflugzeuge links (westlich) oberhalb des Pfarrhauses standen, warfen sie Bomben ab, die einen langen, weißen Rauchstreifen hinter sich ließen zum Zeichen, daß hier die Stelle sei, wo die nachkommenden Flugzeuge ihre Bomben abwerfen sollten. Da es windstilles, sonniges nur leichtbewölktes Wetter war, blieben die Rauchstreifen lange Zeit sichtbar. Die Bombenwürfe waren nur zu gut gezielt. Die Marieneher Werke wurden fast völlig zerstört. In der Biestower Gemeinde haben Schutow und Hof Barnstorf schwer gelitten.

Zerstörung der Heinkel-Werke in Marienehe 1944. Aufklärungsfoto der Alliierten.
Aufklärungsfoto der alliierten Luftwaffe während der Bombardierung der Heinkel-Werke in Marienehe am 04.08.1944 mit Ergänzungen. Auf der Rückseite ist das Foto beschriftet mit dem Text: „Rostock, Germany – Heinkel Flugzeugwerke smoking from the 8th AF attack of August 4, 1944, during which bombers dropped tons of bombs“.
Quelle: National Archives Catalog, USA

1945

Nach dem Einfall der Russen in Ost- und Westpreußen im Februar 1945 kamen viele Flüchtlinge in unsere Gemeinde, um Aufnahme zu suchen und zu finden. Im März kamen die Trecks hinterpommerscher Bauern, mit Pferden und Wagen und Frauen und Kindern und Greisen auf dem Durchzug durch die Gemeinde, wochenlang, Wagen hinter Wagen, ein unbeschreiblicher Jammer.

Am Sonnabend, d. 17. März, Abend vor Judika, kamen 7 Wagen mit Flüchtlingen auf den Pfarrhof, 31 Personen wurden im Pfarrhaus unter Dach gebracht (Kinder, Frauen, Greise). Die Männer und Jungen nächtigten auf den Wagen. Der Treck zog am Dienstag, d. 20. Mz. weiter. Die Leute waren aus dem Kreis Saatzig in Pommern. Andere Wagen von demselben Treck, deren Pferde krank waren, blieben bis zum 26. Mz. im Dorf. Am 25. Mz. (Palmarum) konfirmierte ich in einer Sonderfeier die Tochter des Führers dieses Trecks. Die anderen Dörfer der Gemeinde waren mit noch mehr Flüchtlingen belegt als Biestow. Viele Kinder und alte Leute sind während der Fahrt oder des Aufenthaltes in einem der Dörfer gestorben und wurden hier begraben. Särge waren schwer zu erlangen. Die Toten sind z.T. in einer Kiste begraben. 14 Tage lang habe ich in Biestow, Parkentin oder Stäbelow täglich Begräbnisse gehabt. Die hier durchziehenden Trecks wurden nach Ratzeburg geleitet und dort teils nach Hannover (Lüneburger Heide), teils nach Holstein verteilt. Die nach Hannover geleiteten pommerschen Flüchtlinge sind 3 Wochen darauf den amerikanischen Eroberern in die Hände gefallen.

Am Montag der stillen Woche, 26. Mz., rief der aus Zoppot geflüchtete Pfarrer Hugo Weiße fernmündlich an, daß er mit seiner Frau und einer Tochter auf dem Bahnhof in Rostock stehe und bäte, im Pfarrhaus in Biestow aufgenommen zu werden. 12 Kisten mit Flüchtlingsgut hatte er schon mit der Bahn hierher befördern lassen und waren hier untergestellt. Jetzt kommen die drei Personen und brachten noch viel Reisegut mit. Am Mittwoch, 21. Mz., abends, kommen noch weitere 2 Töchter der Weißeschen Familie zu uns ins Pfarrhaus, die auf einem anderen Wege Zoppot verlassen hatten. Sie blieben alle über das Osterfest und reisten alle am 5. April mit einer Mutter, die aus Schneidemühl geflüchtet und im Katherinenstift in Rostock untergebracht gewesen war, einer 85-jährigen Frau, ab, um in Hansühn bei Lasahn in Ostholstein eine Bleibe zu finden.

Als im März der Russe bis Frankfurt und Stettin durchgestoßen war und im April der Amerikaner die Elbe bei Magdeburg und Wittenberge erreicht hatte, wurde Rostock zur Festung umgebaut. Da kamen Tausende von russischen Kriegsgefangenen, um Rostock herum zu schanzen und an den Ausgängen der Stadt Barrikaden zu bauen. In Biestow wurden 1.200 Gefangene einquartiert, davon 200 Mann in der Pfarrscheune. Sie waren voller Ungeziefer, stehlen alles Eßbare dessen sie habhaft werden konnten, leerten selbst die Tröge mit Hühnerfutter aus, um es zu essen, und brachen die Zäune ab, um damit Lagerfeuer zu machen. Das Pfarrhaus bekam Einquartierung von den deutschen Wachmannschaften. Glücklicherweise blieb diese Plage nur vom 5. – 10. April. In Sildemow und Gr. Stove waren schon früher Gefangene gekommen und blieben z. T. auch noch länger. Ebenso wurden auch Papendorf und Kritzmow mit russischen Gefangenen belegt.

Nun müssen wir uns darauf gefaßt machen, daß auch zu uns die Kämpfe kommen, und darauf Vorkehrungen treffen. Die Abendmahlsgeräte sind beseitigt, fort geschafft, die Kirchenbücher und wichtigen Akten in die Kirche gebracht und in einer verschließbaren Nische in der dicken Felsenmauer des Altarraumes untergebracht. Für die Bewohner des Pfarrhauses sind im Garten Deckungsgräben und Löcher ausgehoben. Wenn aber es vor, um und in Rostock zur Schlacht kommt, werden alle diese Vorkehrungen von geringem Wert sein.

1945, d. 31. Mai. – Ich überblicke den Monat Mai, der ein Monat schweren Unheils für unsere Gemeinde war. Da es in der ganzen Biestower Gemeinde teils glimpflicher, teils schlimmer herging als im Pfarrhause und da ich unmöglich alle Einzelheiten aufschreiben kann, berichte ich, was sich vor meinen Augen abgespielt hat. Das Unheil nahm seinen Anfang am Dienstag nach Cantate, am 1. Mai. Die in den letzten Apriltagen im Raum um Rostock einquartiert gewesene Fliegerdivision bekam Befehl, schleunigst abzurücken. Die wertvollen Nachrichtengeräte, welche nicht mehr abgebaut werden konnten, wurden vernichtet. Die deutschen Soldaten waren auf einmal verschwunden. Am Mittag und Nachmittag hörten wir am 1. Mai einige Kanonenschüsse. Obwohl Rostock verschanzt und verbarrikadiert war, wurde es nicht verteidigt. Drei Schüsse des Feindes schlugen in die Stadt und setzten 3 Häuser am Hopfenmarkt in Brand. Dann wurde die weiße Fahne gezeigt.

Am Dienstag, 2. Mai, Nachm. kamen russische Panzerwagen mit aufgesessener Infanterie in großer Zahl nach Biestow und besetzten alle Ausgänge des Dorfes. Einer stellte sich in der Südspitze des Pfarrgartens unter der großen Linde auf, nachdem er den Zaun auf beiden Seiten des Gartens niedergewälzt hatte. Sobald die Panzer in Stellung gegangen waren, drangen die Soldaten in die Häuser ein.“

Pastor Voß beschreibt im Anschluss noch die schrecklichen Gräueltaten der russischen Soldaten, soweit er sie persönlich beobachtet hat, und die völlige Demoralisierung der Landbevölkerung unter russischer Besatzung im Folgejahr:

„Die Frühjahrsackerbestellung kann nicht beginnen, das Sommerkorn kann nicht gesät werden. Das Winterkorn ist wohl zum allergrößten Teil bei dem nackten Frost ausgewintert. Das Schuhzeug ist zerrissen, die Kleidung ist abgetragen, Kohlen hat es nicht gegeben, die Holzvorräte sind längst verbraucht. Der deutsche Wald ist stündlich abgeholzt, vernichtet. Die Bevölkerung ist demoralisiert. Und das ist das schlimmste an dem Gericht, welches über unser deutsches Land ergeht. Das kirchliche Leben ist auf einem Tiefpunkt angelangt. An den 10 Sonntagen zwischen Neujahr und Reminiscere mußte der Gottesdienst in der Kirche sechsmal ausfallen, weil aus der großen (z. Zt. etwa 4.000 Seelen zählenden) Gemeinde niemand zur Kirche gekommen war. Im Konfirmandenunterricht fehlten heute 49 von 60 Kindern.“

Soweit die Aufzeichnungen des Pastors.

Eine weitere sehr persönliche Schilderung der Verwüstungen vom 24. Februar 1944 ist in Form eines Feldpostbriefes, den die Frau des Lehrers Arthur Gätke an ihren dienstverpflichteten Mann geschickt hat, erhalten geblieben. Eine Kopie dieses Briefes wurde dem Autor dieses Beitrags von Prof. Dr. Johann Gätke, einem Sohn des Ehepaars, dankenswerterweise überlassen:

Umschlag Feldpostbrief vom 25.02.1944

„Biestow, 25. Febr. 44

Mein lieber Mann!

Wir leben, wir sind gesund und unser Häuslein steht. Ich weiß noch nicht, was der Wehrmachtbericht über feindliche Einflüge des gestrigen Tages sagt, ob er Dich irgendwie beunruhigt. Seit wenigen Minuten haben wir erst wieder Licht. Ja, der gestrige Tag! Den werden die Kinder und ich nicht vergessen. Ganz Biestow wird ihn nie vergessen. Doch ich will Dir schildern, wie er verlief.

Schon um 10 Uhr hatten wir Voralarm. Johann jubelte, daß er nicht zu Schule brauchte. Um 12 Uhr gab es Vollalarm. Doch alles blieb ruhig. Wir hatten gegessen und die Küche war auch bald fertig. Den Kindern hatte ich erlaubt, auf dem Hof zu spielen, falls aber geschossen würde, sollten sie sofort ins Haus kommen. Das Eis lockte noch, sie waren mit Mühe zu halten. Um 13 Uhr gingen sie zur Flak, fragen, ob schon Entwarnung gewesen sei. Ich saß im Eßzimmer. Da hörte ich es schießen, schaltete das Radio ab und sah nach den Kindern. Die kamen schon angerannt, angezogen waren sie ja. So zog ich mir meinen Mantel über, der Koffer stand schon griffbereit an der Tür. Als ich schnell noch die Gardinen beiseitezog, sah ich auch schon eine fürchterliche Feuersäule und schwarzen Qualm hinter Krempien, eine Erschütterung folgte der anderen, Fenster klirrten, die Eßzimmerlampe lag auf dem Tisch und überall regnete der Putz. Ich glaubte, das Haus stürze ein und rief den Kindern zu, in den Bunker zu rennen. Mir stand das Herz still. Sie liefen aus der Tür und die Dachziegel prasselten herab. Anke sah ich nicht und lief noch einmal in die Wohnung, rief, griff nach dem Koffer und da Anke doch nicht mehr hier war, lief ich auch in den Bunker. Dort waren meine Drei, gesund, Arthur, gesund! Alles andere war mir gleichgültig. Die Kinder waren alle drei dort und riefen nach Mutti. Nach und nach kamen die anderen in den Bunker. Auch von der Flak kamen sie gerannt. Aber da war alles längst vorrüber. Meine Uhr, die bedrohlich nahe am Rand des Schrankes stand, war um 1331 Uhr stehengeblieben. Ich hielt Ausschau nach unserem Häuslein. Es brannte nicht.

Aber Wittes sah gespensterhaft aus. An der Chaussee brannte eine Bauernstelle, bis spät in die Nacht hinein. Nach der Entwarnung sahen wir, was geschehen. In ganz Biestow ist wohl kein Haus ohne gebrochene Scheiben. Dä[cher] sind abgedeckt. Vor Wittes ist ein mächtiger Trichter. Die Straße ist gesperrt, noch liegen Blindgänger. Wittes leben, das ist ein Wunder. Öhmler ist ganz verschwunden, Personen waren alle im Bunker. Langes ist völlig abgedeckt. Frau Lange ist als einzigste verwundet. Es sind in und um Biestow 140 Bombentrichter gezählt. Rostock hat nichts abgekriegt. Aber in den Schrebergärten soll es wüst aussehen. Hinter Niekrenz, Krempien bis Paap und Großkord ist alles umgewühlt. Auch hinter Niekrenz liegt noch ein Blindgänger.

Um 15 Uhr hatten wir dann wieder Alarm. Die Kinder weinten. Frau Trense wurde ohnmächtig. Es dauerte auch nicht sehr lange, als die nächste Welle kam. Wieder nur wenige Minuten, unheimliches Getöse und Erschüttern. Diesmal galt es Rostock. Nachher ging es ans Ausfegen. Arthur, wie sah unser Häuslein aus! So viel Dreck! Überall hab ich einen Eimer voll Schutt.

Auch Brandbomben sind viel gefallen. In Boldts Stalldach steckt senkrecht ein Baumstumpf. – Haben wir aber nicht Glück bei allem gehabt? Nirgends einen Volltreffer, keinen Toten und keinen Brand im Dorf? Vielleicht verschonen sie uns nun. Gelernt haben wir aber alle, sofort bei Alarm in den Bunker zu gehen. Ich höre eben, daß gestern über dem Reichsgebiet 166 Feindflieger abgeschossen sind.

Lieber Mann, ich kann Dir doch wieder melden, daß wir gesund sind. Freu Dich darüber! Und wie geht es Dir wohl?

Sei innig gegrüßt von

Deinen Kindern u.

Lore“

Zur Einordnung der Namen und Orte: Die Hofstelle von Bauer Krempien (Hufe III) befand sich dort, wo heute der Blumenladen „Angelangt“ ist, Wittes wohnten in der Häuslerei 45 (Biestower Damm 2), Öhmlers in der Häuslerei 36 (Biestower Damm 3) und Familie Lange in der Häuslerei 35 (Biestower Damm 4). Von Frau Trense ist nichts weiter bekannt. Familie Niekrenz betreibt bis heute die Gastwirtschaft „Zum Bauernhaus“, Familie Paap bewirtschaftete die Büdnerei 14 (Klein Schwaßer Weg 1, in der Hufenkarte sind die Nummern der Büdnereien 14 und 15 vertauscht) und Familie Groskorth die Büdnerei 12 (Damerower Weg 8, heute Fohlenhof). Die Hofstelle von Bauer Boldt (Hufe I) befand sich am Klein Stover Weg, wurde zuerst mit dem Maschinenbauhandel und dann mit dem Wohngebiet „Am Herrnteich“ überbaut.

Hufenkarte 1879
Die Büdnereien Nr. XI bis XVI in der Hufenkarte von 1879, Bearbeitungsstand um 1910, mit Textergänzungen. Die Nummern der Büdnereien XIV und XV sind vertauscht.
Quelle: Landesarchiv Schwerin, Karten von ländlichen Gemarkungen

Familie Gätke bewohnte die Lehrerwohnung in der Alten Schule. Das Schulhaus wurde im Jahr 1856 erbaut. Es gehört damit zu den ältesten noch vorhandenen Gebäuden in Biestow. Nach 1990 wurde das Gebäude zu einem Doppelwohnhaus umgebaut (Biestower Damm 55 / 55b). Der im Brief mehrfach erwähnte „Bunker“ war ein privater Schutzraum im Garten des Schulhauses.

Alte Schule 1953
„Unser Häuslein“ – Die Alte Schule im Jahr 1953
Quelle: Sammlung D. Brandenburg, Biestow

Dorfteich – Gewässerschau am 02.03. um 8:00 Uhr in Biestow

In der Zeit vom 26.02.2026 – 02.04.2026 führt der Wasser- und Bodenverband „Untere Warnow-Küste“ die diesjährige Gewässerschau durch.
Die Schauen sind öffentlich. Jeder kann daran teilnehmen, Fragen stellen oder Anregungen geben. Es werden die Anlagen und der Zustand der Gewässer besichtigt sowie kurz- und langfristige Unterhaltungsmaßnahmen besprochen.
Am Montag den 02.03. werden die Gewässer in der Südstadt, Stadtmitte, Biestow, Kritzmow usw. begutachtet. Treffpunkt ist um 8:00 Uhr an der Biestower Kirche. Wie in den vergangenen Jahren wird sicherlich auch in diesem Jahr der beklagenswerte Zustand des Biestower Dorfteichs wieder ein Thema sein.

Der Dorfteich ist schon seit langer Zeit immer wieder ein Tagesordnungspunkt in der Ortsbeiratssitzungen. Anfangs war man mehr um die Gestaltung der Grünanlagen und die Umsetzung der Ortsgestaltungskonzeption bemüht und im Jahr 2012 war man sogar besorgt, dass der Teich „überlaufen“ könnte. Auch im Jahr 2018 war der Füllstand im Teich noch relativ hoch (im Vergleich zum Herrnteich). Spätestens seit Mitte 2020 ist jedoch der geringe Wasserstand im Dorfteich und die zunehmende Verschilfung ein Thema in den Ortsbeiratssitzungen. Eine vollständige Zusammenstellung aus den Sitzungsniederschriften seit 2010 finden Sie hier.

Nachfolgend die wichtigsten Aussagen aus den Sitzungsprotokollen der letzten Jahre mit Angabe des Sitzungstermins:

Übersicht


18.06.2020: „Herr Müller vom Verein Leben in Biestow e.V. sorgt sich um den Wasserstand des Dorfteiches. Herr Kunze nimmt dies als TOP zur nächsten Sitzung auf und lässt das Amt für Umwelt- und Klimaschutz einladen.“ [Leider ist die Aufnahme als TOP nicht erfolgt und das Amt wurde anscheinend auch nicht eingeladen]
21.09.2022: „Herr Tietjen weist außerdem auf die Lage am Dorfteich Biestow hin. Der Pegel des Teichs ist weiter verringert und der Bewuchs hat stark zugenommen. Er wünscht sich schnelle Maßnahmen zur Entkrautung.“
15.03.2023: „Frau Scheffler berichtet von der Stellungnahme des Amtes für Umwelt und Klimaschutz zum Wasserstand des Dorfteiches Biestow. Dies resultiert aus den derzeit niedrigen Wasserständen. Ein Entgegenwirken ist nicht möglich, da dies wieder versickern würde.“
16.08.2023: „Herr Millahn teilt mit, dass das hydrolog. Fachbeitrag von WASTRA-Plan [zum neuen „Wohngebiet Nobelstraße“] noch aussteht. Für die Umsetzung der Planungen ist der Erschließungsvertrag entscheidend. Ein Anwohner bittet zu prüfen, ob nicht der Herrenteich und der Dorfteich aus den Regenmengen gespeist werden können. Frau Krüger […] bittet ebenfalls um Prüfung, ob Regenwasser in den Dorfteich und /oder in die nahegelegenen Sölle im Wohnpark geleitet werden kann.“
14.11.2023: „Herr Kunze möchte das Amt für Umwelt und Klimaschutz, Abt. Wasser und Boden zur kommenden Ortsbeiratssitzung einladen. Es soll um die Verschilfung des Dorfteiches und Am Soll gehen.“
[Eine Mitarbeiterin des Umweltamts war tatsächlich erst im April 2024 und dann im März 2025 zugegen, allerdings wegen eines anderen Sachverhalts. Ansonsten hat sich bis heute niemand im Ortsbeirat blicken lassen.]
20.05.2025: „Frau Jens informiert: Am Biestower Dorfteich wurde das Schilf geschnitten. Frau Jens konnte in Erfahrung bringen, dass ein Schnitt unterhalb der Wasserlinie dazu führen würde, das Schilfwachstum zu stoppen. Es wurde jedoch oberhalb der Wasserlinie geschnitten, daher erholt sich das Schilf bereits wieder und breitet sich weiter aus. Das Amt für Stadtgrün soll hier einmal entsprechend tätig werden und anschließend informieren.“
17.06.2025: „Frau Steinhorst berichtet über folgende offenen Punkte: Ausbreitung Schilf – Der Dorfteich müsste für eine Verbesserung des Schilfes ausgebaggert werden. Laut Auskunft des Amtes für Umwelt und Klimaschutz wird dies zu einer weiteren Absenkung des Wasserstandes führen. Höchstwahrscheinlich haben Privatpersonen selbstständig Schilf beschnitten.“
16.09.2025: „Frau Jens informiert über ein Schreiben des Amtes für Stadtgrün, Naturschutz und Landschaftspflege zum Rückschnitt des Schilfes im Dorfteich. Helfen würde nur eine Entschlammung des Gewässers, die auch zeitnah, je nach Haushaltslage, durch das Umweltamt durchgeführt wird.“ [Eigentlich wäre doch das Umweltamt für diese Stellungnahme zuständig gewesen?]
16.12.2025: „Frau Jens berichtete, dass es laut Umweltamt ein Konzept für Kleinstgewässer in Rostock gibt, dem auch der Dorfteich in Biestow unterliegt.
Anfang 2025 wurde oberhalb der Wasserkante ein Versuch zur Entfernung des Schilfs unternommen. Diese Maßnahme führte zu einem erneuten Austreiben des Schilfs. Für ein nachhaltiges Zurückdrängen des Schilfs ist ein Schnitt unterhalb der Wasserkante erforderlich.
Zudem haben sich im Schilfbereich Kleinstbiotope gebildet.
Aufgrund der derzeit angespannten Haushaltslage ist eine Umsetzung entsprechender Maßnahmen aktuell nicht zu erwarten. Das zuständige Fachamt kontrolliert den Teich jedoch weiterhin regelmäßig. Eine schriftliche Stellungnahme des Fachamtes wird noch erfolgen.
Ebenfalls informiert Frau Jens, dass eine Entschlammung des Teiches in den vergangenen Jahren nicht durchgeführt wurde und auch in den kommenden Jahren nicht zu erwarten ist. Grund hierfür ist, dass bei einer Ausbaggerung die Sole [sic] erreicht werden würde. Folglich würde kein Mehrwert erzielt werden.“


Passiert ist bis heute nichts. Die letzten Auskünfte vom September und Dezember 2025 könnten bedeuten, dass in absehbarer Zeit am Biestower Dorfteich überhaupt nichts mehr geschieht. „Zeitnah“ kann auch einen Zeitraum von mehreren Jahren umfassen und die „Haushaltslage“ gibt sowieso nichts her. Laut Haushaltsplan 2026/2027, dort die Gesamtübersicht „Investitionsprogramm nach Ortsteilen“, sind für Biestow in 2026 Ausgaben in Höhe von 25.000 € geplant. Die werden aber an der Lärmschutzwand Nobelstraße verbaut. Weiteres Geld ist erst ab 2028 verfügbar, und zwar für den „Binnenhochwasserschutz – Groß Biestow“ (betrifft wahrscheinlich die teilweise Entrohrung des Kringelgrabens).
Bis dahin wird sich der Dorfteich wohl so ähnlich weiterentwickeln, wie das Soll am Weidengrund: Es wird „regelmäßig kontrolliert“, irgendwann ist alles verschilft und verkrautet, das Wasser ist weg und das Problem hat sich erledigt.

Auch im „Südstern“ wurden vier Beiträge zum Thema veröffentlicht. In der Ausgabe 47 hat Frau Miriam Schröter vom Umweltamt sehr richtig erkannt: „Das Problem ist der vorhandene Wassermangel. Es wird vielmehr geprüft, ob es sinnvoll ist, in Abstimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde Pflanzen zu entnehmen oder zusätzliches Niederschlagswasser, das derzeit in die Kanalisation gelangt, den Teichen zuzuleiten.“ In der Ausgabe 50 fragt der „Südstern“ nach, was die Prüfung ergeben hat. Das Umweltamt teilt mit, dass die Prüfung erst im Frühjahr 2025 stattfinden wird. Danach wurden im „Südstern“ keine Beiträge mit Erkenntnisgewinn mehr veröffentlicht (außer in der Ausgabe 54 eine kleine Konkretisierung der Aussagen des Grünamts vom 16.09.2025, diesmal angeblich vom Umweltamt: eine Maßnahme am Dorfteich soll nun nicht mehr nur „zeitnah“ und „nach Haushaltslage“, sondern auch „unter Berücksichtigung der Belange des Naturschutzes“ erfolgen).

Als Außenstehender gewinnt man den Eindruck, dass in den Fachämtern (Grünamt, Umweltamt, Amt für Denkmalpflege) das Problem seit Jahren nur weitergeschoben wird, ohne an einer nachhaltigen Lösung zu arbeiten.
Z. B. hatte der Ortsbeirat Biestow am 16.08.2023 im Zusammenhang mit der Planung des neuen „Wohngebiet Nobelstraße“ angeregt, einen Teil des Oberflächenwassers vom neuen Wohngebiet in den Dorfteich abzuleiten. Laut aktueller Begründung zum Bebauungsplan, S. 28f, soll die gesamte Regenentwässerung jedoch in den Rote-Burg-Graben erfolgen. Andererseits wird in einer Bestandsanalyse im zugehörigen hydrologischen Fachbeitrag auf Blatt 22 dargestellt, dass derzeit im Nordwesten des Plangebiets eine Fläche von knapp 4 ha „über RW-Kanäle in den Dorfteich von Biestow in nordwestliche Richtung entwässert“. Wenn dort tatsächlich bereits Regenwasserkanäle liegen, ist es nicht nachvollziehbar, dass das Regenwasser in Zukunft nach Osten abgeleitet werden soll. Da auch das Umweltamt eine Stellungnahme zum Entwurf des B-Plans abgegeben hat, sollte man dort die Begründung zum B-Plan und dieses Gutachten ebenfalls gelesen haben. Hier wäre eine sofortige Abstimmung zwischen Umweltamt und Planungsbüro notwendig, bevor die Erschließungsplanung beginnt!


Die fortschreitende Verschlechterung des Zustandes des Biestower Dorfteichs und das langsame Verschwinden kann man auch anhand historischer Karten und Fotos und aus Luftbildaufnahmen gut nachvollziehen:

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Im Jahr 1778 war im Rahmen der sogenannten „Directorial-Vermessung“ die Wasserfläche des Dorfteichs (Kartennummer 50) mit einer Größe von 232 Quadrat-Ruten vermessen worden. Das entspricht einer Ausdehnung von über 5.000 m²! (Umrechnung: 1 Quadrat-Rute = 21,679 m²)

Auszug aus dem „Plan von dem Bauer-Dorffe Bistow – auf Verordnung gemeinschaftl. Directorial-Commission gemessen anno 1778 durch Francke“
Quelle: Landesarchiv Schwerin, Karten von ländlichen Gemarkungen

Nördlich des Dorfteichs erkennt man das große Gehöft von Bauer Kempe mit zwei giebelständig zum Dorfteich ausgerichteten Scheunen und dem zurückgesetzten Wohnhaus, nördlich des Kirchhofs befindet sich links der Hof von Bauer Krempien und rechts daneben das Kruggehöft von Schulze Beese (wo heute das Restaurant „Zum Bauernhaus“ steht), beim Pfarrgehöft ist hinter der Pfarrscheune noch der alte Pfarrstall zu erkennen und am Nordwestende des Kirchhofs, innerhalb des heutigen Gräberfeldes, stand einst das alte Schul- und Küsterhaus (im Jahr 1855 abgebrannt).
Das Gebäude beim heutigen Gefallenendenkmal ist vermutlich ein gemeinschaftliches Backhaus oder die öffentliche Grützquerre der beiden Kossaten Franz Mahn und Stoll.


In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in Biestow eine Feldregulierung durchgeführt und dazu die gesamte Feldmark neu vermessen. In der damals erstellten Katasterkarte („Hufenkarte“) ist für den Dorfteich (Kartennummer 456) eine Wasserfläche von 221 Quadrat-Ruten angegeben. Das sind immer noch knapp 4.800 m²!

Auszug aus der „Charte von der Dorffeldmark Biestow – Amts Toitenwinkel zu Rostock – Vermessen und regulirt im Jahre 1852 von E. Krüger, Cammer-Ingenieur“ (hier eine Abzeichnung aus dem Jahr 1879 – mit eigener Ergänzung: farbliche Hervorhebung der Wasserflächen).
Quelle: Landesarchiv Schwerin, Karten von ländlichen Gemarkungen

Die Katasterkarten unterlagen als Gebrauchskarten natürlich Veränderungen. Der Ausschnitt zeigt den Bearbeitungsstand von ungefähr 1906 (erkennbar u. a. an den nicht mehr vorhandenen alten Gebäuden der Büdnerei Nr. III von Bauer Harms an der Ecke Sildemower Weg / Am Dorfteich). Der Gebäudebestand des Pfarrgehöfts ist noch vollständig vorhanden mit Pfarrscheune, Pfarrstall, Pfarrhaus, Pfarrschweinestall und Predigerwitwenhaus.

Der Dorfeich hatte Zuläufe von Südwesten, vom Gehöft der Erbpachthufe Nr. VI kommend (früher Bauer Heidenreich – wahrscheinlich wurde die südliche Straßenentwässerung dort durchgeleitet), von Südosten aus den Entwässungsgräben der südöstlich gelegenen Ackerflächen und von Nordosten vom Sildemower Weg, neben dem kleinen Spritzenhaus (nach 1996 abgerissen). Der daneben stehende Armenkaten der Gemeinde (2010 abgerissen) wurde damals von den Familien Gerds und Oldag bewohnt. An der Südostecke des Dorfteichs hatte Peter Wollenberg in der neu errichteten Büdnerei Nr. X (2012 abgerissen) eine „Schenkwirtschaft“ eingerichtet. Dort konnte man die Pferde ausspannen und im Garten am Teich ein Bier genießen.

An der Nordwestecke des Dorfteichs war ein Überlauf in den straßenbegleitenden offenen Graben am Biestower Damm bis hinunter zum Kringelgraben (der östlich von Biestow eigentlich Borngraben hieß) und weiter bis zum ehemaligen Pfeifenteich südlich des heutigen Hauptbahnhofs. Von dort wurde schon im 18. Jahrhundert das Wasser durch eine hölzerne Leitung in die Stadt geführt. Auf diese Weise wurde die Rostocker Trinkwasserversorgung zu einem kleinen Teil auch aus dem Biestower Dorfteich gespeist.


Kurz vorher, also ungefähr zwischen 1900 und 1906, wurde dieses schöne Foto aufgenommen:

Abgelichtet von dem Rostocker Fotografen Fritz Blohm.
Quelle: Sammlung Thomas Werner, Rostock

Der Biestower Dorfteich in voller Pracht! Rechts im Hintergrund sind noch die alten Gebäude (Wohnhaus und Scheune) von Büdner Harms zu erkennen, daneben steht das westliche Stallgebäude der Erbpachthufe Nr. V, Erbpächter Kempe, dazwischen lugt das Strohdach der Büdnerei Nr. II von Büdner Gildemeister hervor und die Kirche hat noch ihren kleinen hölzernen Turm.

Im Norden reicht die Wasserfläche fast bis zum Sildemower Weg, im Westen läge die heutige Sitzgruppe bereits im Wasser und die hohen Pappeln im Süden drängeln sich auf einem schmalen Streifen zwischen Teich und Weg.

Die Dorfjugend hatte sicherlich sommers wie winters viel Spaß mit diesem Teich.


Ein weiteres Foto zeigt einen Blick von Süd nach Nord über den Teich auf das große Erbpachtgehöft der Familie Kempe (Hufe V). Hier hat der Dorfteich möglicherweise einen etwas niedrigeren Wasserstand, ist aber immer noch deutlich höher als heute:

Foto Hof Kempe – unbekannter Fotograf.
Quelle: Privatsammlung von Frau E. Welbers, Kevelaer, einer Urenkelin des letzten Erbpächters. Die Sammlung mit Fotos und alten Dokumenten (teilweise von 1632) wurde am 2. Mai 2022 an das Kulturhistorische Museum in Rostock übergeben.

Das Foto muss nach 1918 aufgenommem worden sein, da Biestow in diesem Jahr an die Elektrizitätsversorgung angeschlossen wurde und die beiden Masten am Ufer vermutlich für die Stromleitung aufgestellt wurden.

Der Kempesche Hof mitsamt dem Dorfteich war immer schon ein beliebtes Fotomotiv. Unter anderem hat der bekannte Rostocker Fotograf Karl Eschenburg hier einiges Filmmaterial belichtet und dabei auch den Zustand des Dorfteichs in den 1930er-Jahren dokumentiert.

Die Hofanlage und einzelne Gebäude wurden auch in Fachpublikationen behandelt (z. B. in dem Buch „Haus und Hof deutscher Bauern“, Folkers, 1961, oder in der Dissertation „Zimmermannswerk in Mecklenburg – Die Scheune“, Dr. Karl Baumgarten, 1960).

Die Familie Kempe bewirtschaftete diesen Hof nachweislich bereits seit 1606. Der zweitälteste Grabstein im Mittelgang der Biestower Kirche ist der Deckstein des Kempeschen Erbbegräbnisses von 1610. Nachdem der letzte Erbpächter Hans Heinrich Kempe im November 1912 mit 81 Jahren und ohne Hinterlassung eines Testaments verstorben war, kam es zu Erbstreitereien zwischen der Witwe und den beiden Söhnen. Um die Söhne auszahlen zu können, wurde am 7. September 1914 zuerst das gesamte lebende und tote Inventar versteigert (s. Krausesche Fundchronik, Seite 55 / Blatt 43) und später die gesamte Hofstelle mitsamt den Ackerflächen an die Stadt Rostock verkauft. Bereits im Jahr 1938 wurden Hof und Acker nach Rostock eingegliedert. Die Anwohner mit den Adressen Am Dorfteich 2a bis 5 sind also eigentlich „Städter“.

Laut einem Zeitungsartikel soll das linke Stallgebäude im Jahr 1946 abgerissen worden sein (ist im Luftbild von 1953 auch nicht mehr zu erkennen) und das Wohnhaus im Jahr 1954. Die Scheune rechts (in der genannten Dissertation behandelt) soll in den 1950er und 1960er Jahren so weit in Verfall geraten sein, dass die Ruine schließlich entfernt wurde. Übriggeblieben waren am Ende nur noch die beiden Torpfosten in der Bildmitte. Die standen da auch noch bis zum Herbst 2025 – ehe sie einer „Verschönerungsplanung“ der Außenanlagen des dort neu errichteten Wohnhauses zum Opfer gefallen sind (obwohl der ursprüngliche Verkäufer des Grundstücks ausdrücklich vertraglich vereinbart hatte, dass diese Pfosten aufgearbeitet und erhalten werden sollten).

Nun ist auch das letzte Zeugnis einer jahrhundertealten Familiengeschichte und des bäuerlichen Lebens an dieser Stelle verschwunden.


Ein drittes Foto zeigt den Blick von West nach Ost über den gut gefüllten Dorfteich:

Foto Wohnhaus Breutzmann und Büdnerei Nr. X – unbekannter Fotograf
Quelle: Privatsammlung von Hr. A. Harms (1), ehem. Büdnerei Nr. III in Biestow.

Das Foto wurde vermutlich in den 1960er-Jahren aufgenommen. Der Standort des Fotografen muss kurz hinter der heutigen Bushaltestelle bei der Kirche gewesen sein.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Teichs steht das auf Gemeindeland neu erbaute Wohnhaus der Familie Breutzmann (heute Am Dorfteich 8). Opa Breutzmann war vor allem bei den Kindern sehr beliebt, wegen der Bonbons, die er immer dabei hatte.

Rechts daneben bewirtschaftete inzwischen „Sniedermeister Wagner sien ‚Strandhotel‘ an’n Dörpdiek“ – wie sich mal die in Biestow ansässige Mundartautorin Lisa Milbret in einem Beitrag für die OZ ausgedrückt hat. Dort konnte man auch Lebensmittel einkaufen.

Links im Vordergrund des Fotos sieht man, dass die Biestower Hühner immer schon ein sehr befreites Leben hatten.


Das letzte Foto zeigt die Winterlandschaft am Dorfteich:

Foto Querbüdnerei Harms und ehemaliger Hof Kempe – unbekannter Fotograf
Quelle: Privatsammlung von Hr. A. Harms (2)

Jenseits des Dorfteichs sieht man links die im Jahr 1907 neu erbaute Querbüdnerei von Bauer Harms und rechts daneben Stall und Wohnhaus des ehemaligen Kempeschen Erbpachtgehöfts.

Das Foto ist vermutlich Anfang der 1940er-Jahre entstanden. Damals war es noch normal, dass der Dorfteich im Winter zugefroren ist. Die große Eisfläche war ein Tummelplatz der Kinder.

Neben Schlittschuhlaufen konnte man auch noch allerlei andere Spiele veranstalten, z. B. Schlittenkarussell, wie in dem Beitrag „De Schwungschlädn – Eine Kurzgeschichte von NNN-Leser Prof. Johann Gätke“ (Norddeutsche Neueste Nachrichten, 01.02.2013) beschrieben wird:

„Je, wenn ick nu an’n Winterdach durch uns oll Dörp Biestow un denn an’n Dörpdiek langga, kamen dirse schönen Biller ut de Kinnertied werrer hoch, wie wi binah den leiwen langen Dach up’n Ies taubröcht hebben un henn un wenn ook grad mit’n Schwungschlädn. Oh, wat wier dat för’n Spaß!“

Dazu wurde ein Pfahl durch das Eis in den Grund geschlagen und gewartet, bis er festgefroren war. An einem langen Seil wurde daran vorn und hinten ein Schlitten befestigt, der „Schwungschlädn“. Zwei Kinder schoben innen das Seil an und außen ging es in rasender Fahrt immer rund übers Eis.

Der im Mai 2023 im 88. Lebensjahr leider verstorbene Professor war übrigens ein Sohn des vor 1945 in Biestow tätigen Schullehrers Arthur Gätke. Er konnte viele interessante Dorfgeschichten aus seiner Kindheit und Jugend erzählen. Als Zeitzeuge hatte er z. B. noch lebhafte Erinnerungen an die Kriegsereignisse in Biestow.


Die damalige Ausdehnung der Wasserfläche ist auch in einer Luftbildaufnahme aus dem Jahr 1953 noch sehr gut zu erkennen:

Digitales Orthophoto (DOP) auf der Grundlage der Luftbilder einer Befliegung im Jahr 1953 mit einer Bodenauflösung von 0,8 m – mit eigenen Ergänzungen: Text und Uferlinie.
Quelle: Landesamt für innere Verwaltung MV, Amt für Geoinformation, Vermessungs- und Katasterwesen © GeoBasis-DE/M-V 2026

Vieles von dem alten Gebäudebestand ist noch vorhanden (auch auf der Hofstelle der ehem. Erbpachthufe Nr. VI), die Wege sind noch nicht befestigt und die aus dem Orthophoto digitalisierte Wasserfläche ist zwar um 1.000 m² kleiner geworden, hat aber immer noch eine Ausdehnung von 3.800 m².


Auch im Lageplan zur Ortsgestaltungskonzeption ist im Jahr 1982 der Dorfteich noch mit einer Wasserfläche von 3.774 m² dargestellt (aus dem eingepassten Plan digitalisiert).

Zoo-Erlebnisbereich Damerower Weg und Ortslage Biestow – Ortsgestaltungskonzeption – Teil 1 Erholungsplanung – Büro für Stadtplanung Rostock, 29.9.82 – mit eigener Ergänzung: Uferlinie.
Quelle: Archiv „Leben in Biestow“ e. V.

Der Dorfteich (d) sollte als „Dorfteich mit Erholungsfunktion“ gestaltet werden, mit schützenden Hecken zu den angrenzenden Wegen. An vier Stellen sollten Sitzplätze (8) angeordnet werden. Es hat den Anschein, dass am westlichen und am östlichen Ufer auch eine Steganlage für Badende vorgesehen war (wobei die Biestower Jugend gerne auch im Herrnteich herumgeplanscht hat). Als Grundprinzip für die Gestaltung ist im Plan vermerkt: a) Erhaltung der Sölle, Bereinigung Dorfteich, b) Erhaltung jeglichen Großgrüns und c) Erhaltung denkmalgeschützter Bauten.


Im Jahr 1991 wurde durch das Landesvermessungsamt eine Befliegung durchgeführt, damals noch mit Schwarz-Weiß-Fotografie:

Digitales Orthophoto (DOP) aus dem Jahr 1991 mit einer Bodenauflösung von 0,4 m – mit eigener Ergänzung: Uferlinie.
Quelle: Landesamt für innere Verwaltung MV, Amt für Geoinformation, Vermessungs- und Katasterwesen © GeoBasis-DE/M-V 2026

Wie man im Ausschnitt erkennen kann, ist die Wasserfläche des Dorfteichs deutlich geschrumpft. Die Gründe sind nicht so ganz klar. Mit den Klimaveränderungen kann das noch nicht zusammenhängen und Grundwasserabsenkungen wegen Neubautätigkeit kann man auch ausschließen. Möglicherweise wurde aus irgendwelchen Gründen einfach nur das Niveau des Überlaufs so weit abgesenkt, dass der alte Füllstand gar nicht mehr erreicht werden konnte. Die erkennbare Wasserfläche hat jedenfalls nur noch eine Ausdehnung von knapp 2.100 m².


Am 16.04.1996 hat die Bürgerschaft der Hansestadt Rostock beschlossen, für Biestow einen zweiten Bebauungsplan (nach dem Wohnpark) aufzustellen. Der Stadtplaner Dierk Brockmöller hat bei der Entwicklung des Bebauungsplans 09.W.57 „Dorflage Biestow“ versucht, möglichst viel von der alten Ortsgestaltungskonzeption in die neue Planung zu retten.

Bebauungsplan Nr. 09.W.57 „Dorflage Biestow“, Stand 22.03.1999, ausgefertigt am 09.01.2001 – mit eigener Ergänzung: Uferlinie.
Quelle: Portal der Hanse- und Universitätsstadt Rostock – Rechtskräftige Bebauungspläne

In der Begründung zum Bebauungsplan wurde unter Punkt 4.7.1 erläutert: „Der Dorfteich war aufgrund jahrezehntelanger Einbringung von Abwasser aus den anliegenden Grundstücken stark verlandet. Der verwilderte Zustand der Grünflächen war der zentralen-dörfichen Lage nicht angemessen. Aus diesem Grunde wurde der ursprüngliche Zustand des Teiches annähernd rekonstruiert. Die Fläche wurde als „Dorfwiese“ festgesetzt.“
Leider ist die „annähernde Rekonstruktion“ nicht ganz gelungen: Die im Plan dargestellte überflutete Fläche umfasst nur noch etwas mehr als 3.000 m².
Die Kennzeichnung „GB“ bedeutet „Geschützte Biotope nach § 2 1. NatG M-V“. Die Plandarstellung basiert auf einem Stand der Vermessungsarbeiten vom 08.02.1996.

In der Begründung zur 1. Änderung des Bebaungsplans (wg. Ergänzung Wohnhausbebauung Am Dorfteich 9a bis 9d) wurde unter Punkt 3.1.2.3 – Schutzgut Wasser – zudem ausgeführt: „Nördlich der Änderungsfläche befindet sich der Dorfteich Biestow, der 1998 entschlammt und dank eines neuen Schmutzwassersammlers, an den auch die Einfamilienhäuser am Dorfteich angeschlossen wurden, einen guten Gewässerzustand aufweist. Zusätzliche Einleitung von Niederschlagswasser in den Dorfteich Biestow ist zu befürworten, da der Teich mindestens seit seiner Grundsanierung 1998 einen niedrigen Wasserstand aufweist.“


Der Sommer 2011 war in Rostock und Mecklenburg-Vorpommern extrem niederschlagsreich, geprägt von mehreren Starkregenereignissen. Insbesondere Ende Juli und August 2011 führten enorme Regenmengen zu schweren Überschwemmungen. Im Stadtteil Warnemünde fielen am 22. Juli an einem Tag 111,4 Liter Regen pro Quadratmeter. Um die Überflutungen zu dokumentieren, hat die Stadt eine Befliegung veranlasst, die im August und September 2011 durchgeführt wurde:

Luftbild (Digitales Orthophoto) der Hanse- und Universitätsstadt Rostock und Umgebung von August und September 2011 mit einer Bodenauflösung von 0,2 Metern – mit eigener Ergänzung: Uferlinie.
Quelle: OpenData-Portal der Hanse- und Universitätsstadt Rostock – public domain CC0 1.0

Damals führten diese Starkregenereignisse zu einem Wendepunkt in der lokalen Stadtplanung mit Einführung des „Schwammstadt“-Konzepts. Am Biestower Dorfteich waren zum Zeitpunkt der Befliegung die Wassermassen wohl schon wieder in der Kanalisation verschwunden – die aus dem Luftbild digitalisierte Wasserfläche hat nur eine Größe von rund 2.600 m².


Die Stadt Rostock führt ein sogenanntes Bewirtschaftungskataster, in dem die Zuständigkeiten der einzelnen Ämter für die öffentlichen Flächen geregelt sind. Im Geodatenportal der Stadt kann man sich dieses Kataster ansehen:

Die blaue Fläche in der Bildmitte (Wasserfläche des Dorfteichs) liegt im Zuständigkeitsbereich des Amts für Umwelt und Klimaschutz. Laut einer Infobox hat diese Fläche aktuell eine Größe von genau 2.058 m ².


Die letzte amtliche Luftbildaufnahme wurde im Bereich Biestow am 20.08.2024 durchgeführt:

Digitales Orthophoto (DOP) vom 20.08.2024 mit einer Bodenauflösung von 0,2 m – nebst eigenen Ergänzungen: Rand- und Uferlinie.
Quelle: Landesamt für innere Verwaltung MV, Amt für Geoinformation, Vermessungs- und Katasterwesen © GeoBasis-DE/M-V 2026

Der Dorfteich mitsamt Schilfgürtel hat eine Ausdehnung von rund 2.200 m² und die freie Wasserfläche von nur noch 600 m².

Der einst große Dorfteich mit 5.000 m² offener Wasserfläche ist mittlerweile zu einem kleinen verschilften Tümpel verkommen!

Papendorf der langen Wege! Was hat das mit Biestow zu tun?

Die Gemeinde Papendorf will am 24.04.2025 über die erneute Auslegung ihres Bebauungsplans Nr. 24 „Am Schwanen-Soll“ (Auslegungsbeschluss) beschließen. Richtigerweise muss der Bebauungsplan „NEU PAPENDORF für Biestow Nr. 24“ heißen. Die aktuelle Einwohnerzahl wird sich verdoppeln. Die geplante Infrastruktur mit Ärzten, Verwaltung, Hotellerie, Cafe, Discounter, Pflegeheim und Gewerbe wird an die Außengrenze der Gemeinde verlagert. Die Art und Weise der Bebauung hat rein gar nichts mit einem dörflichen Charakter von Papendorf und Biestow zu tun, wobei der Dorfkern von Biestow unter Denkmalschutz steht. Es soll großstädtisch mit massiven Vielgeschossern auf mehr als 15 ha Ackerfläche gebaut werden. Papendorf macht auf sich aufmerksam: Das Dorf der langen Wege! Im Kern-Dorf pflegt man gern weiter seine Ruhe hinsichtlich zu erwartender Belastungen für Papendorfer Anwohner:innen wie Flächenversiegelungen, Straßenausbau, Lärm, Lichtverschmutzung, Grünverlust und freie Ausblicke. Neuer Bebauungsplanentwurf – Informationen findet man hier.

Der Verein hatte ausführlich mit dem Blog – Beitrag 2024 berichtet.

Für den Vorstand Christiane Müller

Rede an die Bürgerschaft

Danke an Sie. Das Bürgerschafsmitglied Frau Dr. Sybille Bachmann hatte nach der Absage zur Einwohnerfragestunde, Rederecht zum Tagesordnungspunkt TOP Ö 9.3 B-Pan Nobelstraße beantragt. Dem Antrag wurde in der Bürgerschaftssitzung stattgegeben und mit einfacher Mehrheit durch die Bürgerschaft angenommen. Unser Vereinsvorsitzender Klaus-Peter Müller bekam 5 Minuten. Den Redebeitrag und die anschließende Beratung der Bürgerschaft finden Sie hier: Redebeitrag , 2 Teil (ab 18.30 Uhr) der Bürgerschaftssitzung 3/ 2025

Inhaltliche Punkte sind die Stadtentwicklung und -planung, die Verlässlichkeit in Verwaltung und Politik versus veränderte Planungsmaßstäbe und das Thema Bürgerbeteiligung.

Für den Vostand Christiane Müller

Unser Vereinsvorsitzender beim Stadtteilradio LOHRO

Das Intervierw mit unserem Verein war am 12.3.2025 im SBZ und kann hier abgerufen werden: https://media.lohro.de/recordings/6853

Für den Vorstand Christiane Müller

„Hurra, es lebe der ‚wilde‘ Osten!“

… so wurde es von Fachplanern zu Neubauvorhaben in den damals neuen Ländern in den 1990er Jahren in Bauakten vermerkt. Mehr als eine Generation und die Aufbruchstimmung sind bereits in die Geschichte eingegangen. Viel haben auch die Rostocker: innen, welche ihrer Heimat nicht den Rücken gekehrt haben, angenommen, ausgehalten und sich den komplett neuen Herausforderungen im Allgemeinen und im Besonderem gestellt.

Leider leben wir Menschen wieder in fordernden Zeiten. Hier das Thema Bauen und verfehlte Bauleitplanung in Rostock heute:

Achtgeschossiger Flachdachanbau an vorhandenes fünfgeschossiges Satteldachgebäude in Rostock – Südstadt

Nicht nur die Grenzen von gutem Geschmack und Ästhetik im Kleiräumigen sind überschritten. Städtebauliche Ordnung ist das Ziel der Stadtplanung und obliegt der Verantwortung von Verwaltung und am Ende der Politik in der Hansestadt Rostock. Gerade die Bauleitplanung erfüllt eine nicht unwichtige sozialpolitische Aufgabe. Eine fachbezogene und vernünftige städte­bau­liche Ordnung vermag das Gemeinschaftsgefühl zu stärken und Identität zu stiften, das Entstehen asozialer Schichten zu verhindern und mit der Schaffung gesunder Wohnungen und Eigenheime, der Auflockerung der Städte und dem Bau kultureller Einrichtungen die soziale Struktur des Volkes im Sinne der freiheitlichen Grundsätze unserer Verfassung zu beeinflussen (https://www.stadtgrenze.de/s/ezf/geordnete/entwicklung.htm). Städtebauliche Unzuträglichkeiten sollen abgewehrt und verhindert werden.

Abgesehen von der gesetzlichen Ausnahmebestimmung im BauGB ist eine geordnete städtebauliche Entwicklung nur dann gewähr­leistet, wenn ihre Grundzüge in dem hierfür vorgesehenen Flächennutzungsplan (FNP) festgelegt wurden. Das ist zutreffend, wenn die Darstellun­gen des FNP sachlich und räumlich hinreichend konkret sind. Dies trifft auf den FNP von Rostocks Süden nicht zu. Die bloße Ausweisung einer „Weißfläche“ im FNP entspricht nicht § 5 Abs. 1 Satz 2 BauGB, zumal der erarbeitete Rahmenplan für Biestow auf die Sensibilität des Raumes und eine Entwicklung nachweislich hinweist. Hinzu tritt der geschützte Denkmalbereich Dorflage Biestow, der unmittelbar angrenzt. Der vielfach diskutierte städtebauliche Entwurf „Nobelstraße“ wurde abgewählt.

Am südöstlichen Siedlungsrand und im Außenbereich von Biestow bedarf es der Erarbeitung eines städtebaulichen Entwicklungs- und Gestaltungskonzeptes mit Bürgerbeteiligung, wie vom Verein bereits mehrfach gefordert. In 2016 hat das ebenso der Planungs- und Gestaltungsbeirat bei der Entwicklung der Einfamilienhaussiedlung mit 200 – 300 Wohnungseinheiten empfohlen und begründet. Im März 2025 immer noch Fehlanzeige! Was im Kleinräumigen bei Fachplanern, Verwaltung, Politik und Laien normal erscheinen muss, soll demnächst im großen Stil am Stadtrand im Raum Raum Biestow Wirklichkeit werden. Nicht nur Biestow, sondern zehntausende Menschen im Süden werden nachhaltig beeinträchtigt. Über Flora, Fauna und Denkmalschutz spricht eh keiner. In den geplanten Dimensionen fehlt ein städtebauliches-verkehrsplanerisches Verkehrskonzept für den Raum.

Das darf man bei bei mehr als 1.000 Wohnungseinheiten und vielen weiteren Baunutzungen von Papendorf in Biestow erwarten, wenn die Bebauungspläne in der vorgesehenen Form von beiden Gemeinden, Rostock und Papendorf, verabschiedet werden.

Diese Abbildungen sind keinräumige Darstellungen. Die Außenbereichsfläche am südlichen Stadrand umfasst mehr als 25 ha unversiegelten Boden, der aktuell Brachfläche, Sölle und eine Naturschutzfläche umfasst.

Wichtige und hierbei nicht beleuchtete Themen sind bei der städtebaulichen Entwicklung eben auch der Natur- und Umweltschutz, öffentliche Freiflächen und das Orts- und Landschaftsbild von Biestow. Das wird demnächst im zweiten Teil „Hurra, es lebe der wilde Osten!“ beleuchtet.

Für den Vorstand Christiane Müller

Neue Leuchttürme für Biestow

Biestow, südlich von Rostock gelegen, ist seit 1950 ein Stadtteil mit weniger als 3.000 Einwohnern von Rostock. Und doch hat Biestow eine lange Geschichte, die bis in das Jahr 1282 zurück aktenkundig ist. Die ländlich – dörflichen Strukturen blieben bis in die 1990er erhalten und sind auch heute gut ablesbar. Unter Denkmalschutz steht die Dorflage. Ein Rahmenplan, bearbeitet durch das Amt für Stadtplanung und -entwicklung, liegt für die städtebaulich geordnete Entwicklung von Biestow vor. Mit der Bebauung „Wohnpark Biestow“ wurde der unmittelbare Anschluss an die Südstadt und Wohnraum für Familien neu geschaffen. Neben dem Bau von überwiegend Einfamilien-, Doppel- und vornehmlich Reihenhäusern entstanden auch einige Mehrfamilienhäuser im Geschosswohnungsbau in Richtung Nobelstraße. Leider fehlen angemessene und für die Allgemeinheit nutzbare Grünflächen im Wohnpark. Dennoch trugen die Verantwortlichen bezogen auf die Bebauung insgesamt den dörflichen Strukturen von Biestow Rechnung. Mit dem neuen Bebauungsplan „Nobelstraße“ sollte die südliche Erweiterung in ähnlicher Weise folgen. 200 – 300 Einfamilien- und Doppelhäuser sollten in südlicher Richtung an den Wohnpark laut Aufstellungsbeschluss der Hansestadt Rostock ergänzt werden.

Das hatte keine 10 Jahre Bestand. Der Biestower Rahmenplan liegt in der Schublade. Aktuell ist die Auslegung zweier Bebauungspläne mit mehr als 1.000 Wohnungseinheiten, Discounter, Gastronomie, Beherbergung/ Hotellerie und verschiedenen Sozialeinrichtungen in der Bürgerschaft Rostock und der Gemeinde Papendorf geplant. Eine geordnete städtebauliche Entwicklung findet in Biestow nicht mehr statt! Bis zu siebengeschossige Gebäude und wieder einmal ungenügende Grünflächen sind vorgesehen. Berichtet hatte der Verein verschiedentlich. Hier noch einmal ein nur kleiner Ausblick ….

Wer bestimmt, wie sich Gemeinden entwickeln und wie sie „aussehen“? Unsere Mitwirkung war nicht erwünscht.

Für den Vorstand Christiane Müller

Sperrmüll am Dorfteich

Das heutige Foto spricht für sich selbst und braucht keiner zusätzlichen Worte. Es macht einfach nur wütend. Entsorgen hier Biestower Anwohner: innen ihren Sperrmüll direkt am Dorfteich und im Denkmalbereich Dorflage Biestow? Es ist doch eher unwahrscheinlich, dass Besucher: innen ihre Teppiche extra nach Biestow befördern und an dem historischen, öffentlichen und gut einsehbaren Platz entsorgen! Deartiges Verhalten ist beschämend und muss geahndet werden. Es ist ein Fauxpas, gerade gegenüber engagierten Biestower: innen für den Stadtteil. Zum desolaten Zustand des Biestower Dorteiches kommt nun auch noch dieses Bild.

Übrigens: Eine regelmäßige Spaziergängerin/ Besucherin von Biestow schickte das Foto an den Verein. Lib bedankt sich für ihre Aufmerksamkeit.

Für den Vorstand Christiane Müller

Unser Verein ist mit der Geschichtswerkstatt gestartet

Am vergangenen Mittwoch, den 15.05.2019 trafen sich Geschichtsinteressierte unseres Vereins, um mit der Arbeit an der Chronik fortzufahren und auch das Projekt eines „Geschichtsflyers“ für Biestow voranzubringen. Für das Projekt haben wir beim Ortsbeirat Biestow einen Antrag auf Zuwendung aus dem Ortsbeiratsbudget gestellt, der befürwortet wurde. Nun geht es erst einmal in die Phase der Datensammlung, -auswahl und -bewertung, um dann in kreativer Arbeit einen Flyer zu fertigen. Wer Lust hat, daran mitzuwirken, ist herzlich dazu eingeladen.

Nur ein „Stromkasten“? Jetzt ist es ein Stück Identität mit dem Stadtteil Biestow…

Die langersehnte Umsetzung der Gestaltung der „Freiflächen“ am neuen Transformatorenhäuschen Biestower Damm/ Neue Reihe wurde 30.07.2018 endlich Wirklichkeit. Wir als „Leben in Biestow e.V.“ meinen, dass die Gestaltung hervorragend gelungen ist. Die besondere Resonanz war schon während der ganztägigen Gestaltungsphase erlebbar! Viele Einwohner Biestows fanden sich ein und befürworteten diese gelungene künstlerische Gestaltung, Autofahrer verlangsamten ihr Tempo. Ältere Bewohner Biestows fanden in der Darstellung sogar ihre ehemaligen Nachbarn wieder! Animiert von derartiger Darstellung suchte eine unmittelbare Anwohnerin umgehend nach alten Bildern – leider vergeblich. Trotzdem wurden alte Erinnerungen von vielen Seiten zum Besten gegeben. Selbst die Künstler hatten durch die Wahrnehmung ihrer Tätigkeit besondere Freude an ihrer Arbeit. Es war wohl etwas Besonderes!

Wir als „Leben in Biestow e.V.“ wollen mit dieser Gestaltung viele Biestower Bewohner ansprechen, sich mit ihrem Umfeld zu identifizieren, die Natürlichkeit zu erhalten, achtsam sein!  Sie sollen sich in den Motiven wiederfinden. Dabei ist einiges selbsterklärend: „unser“ seit Jahren erfolgreich brütendes Storchenpaar, die Dorfteichansicht und die traditionelle Biestower Tracht. Andere Motive wie die „Biestower Mühle“ sind nicht jedem Biestower bekannt. Der Blick in die westliche Biestower Flur rundet die Darstellung ab.

Im Vorfeld war die Motivauswahl eine echte Herausforderung für den Verein. Dank intensiver Recherche einiger Mitglieder gelang es letztendlich, historische Elemente herauszufinden und einzubauen.

Die künstlerische Abbildung von regionalen Motiven war und ist für uns als „Leben in Biestow e.V.“ ein Grundanliegen der Lebensfreude und Weckruf zugleich. Diese Abbildung stellt nicht nur eine Abfolge von Bildern dar, sondern ist auch Ausdruck gegen die bewusste Zerstörung von Fauna und Flora im Biestower und somit auch Rostocker Einzugsgebiet.

Ein großes Dankeschön möchten wir als Verein für die großzügige Unterstützung an die Stadtwerke Rostock AG richten, die die Firma Artunique mit der Umsetzung beauftragt hat.

Wir freuen und bedanken uns für dieses wunderschöne Ergebnis.